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von Ludwig Wüst
Note: 8
Auch in diesem kleinen und feinen 3.30PM behält Ludwig Wüst die zentralen Themen und Konstanten seines Kinos bei. Und so spielen auch hier Realismus und Minimalismus eine zentrale Rolle.
Vergangenheit und Gegenwart
Nach vielen Jahren in eine Stadt zurückkehren, in der man gelebt hat. Einen langjährigen Freund zu treffen und eine Beziehung wiederzuentdecken, die trotz der Entfernung und des Vergehens der Zeit immer lebendig und aufrichtig geblieben ist. Sich mit der Vergangenheit auseinandersetzen und mit einer ungewissen und sich ständig verändernden Gegenwart zurechtkommen. Der Spielfilm 3.30PM – der dritte Teil der Heimatfilm-Trilogie des vielseitigen unabhängigen Filmemachers Ludwig Wüst nach Das Haus meines Vaters (2012) und Aufbruch (2018), der bei der Viennale 2020 seine Österreich-Premiere gefeiert hat – entspricht ganz dem Kanon, der die bisherige Filmografie des Regisseurs geprägt hat. Der Film greift damit einige bereits in der Vergangenheit behandelte Konzepte auf und aktualisiert den Diskurs über die Gegenwart, über den Mangel an Sicherheit, über das Vergehen der Zeit und über die eigene Identität.
Martin und Anthony sind seit langem befreundet und treffen sich nach fünfzehn Jahren in Wien wieder. Martin ist ein arbeitsloser Schauspieler, der in der österreichischen Hauptstadt lebt. Zunächst ahnungslos, dass sein Freund ihn mit einer versteckten Kamera filmt, begleitet er ihn an einen Ort, der ihm sehr am Herzen liegt. Anthony ist Musiker und lebt seit Jahren in den Vereinigten Staaten. Diese Rückkehr in die Vergangenheit wird auch für ihn von großer Bedeutung sein.
Realismus und Minimalismus, die schon immer die Schlüsselwörter von Wüsts Filmografie waren, sind in 3.30PM bedeutungsvoller denn je. Die beiden Schauspieler müssen mit einer Mikrokamera umgehen und gleichzeitig die Dialoge improvisieren, dabei aber genauen Vorgaben folgen. Ganz nach dem Kanon von Dogma21, der direkt von der berühmten Dogma 95-Bewegung inspiriert ist, die vor fünfundzwanzig Jahren in Dänemark entstand. Und das Kino selbst spielt dabei eine zentrale Rolle. Die Begegnungen zwischen den beiden Protagonisten werden aus der Ferne beobachtet, niemand weiß, was passieren wird. Die ständigen Fragen zur ungewissen Gegenwart führen unweigerlich zu einer schmerzhaften Vergangenheit, die nur darauf wartet, wieder durchlebt zu werden, um endlich neu beginnen zu können. Und eine genaue Uhrzeit, nämlich 3:30 Uhr nachmittags, bekommt eine ganz zentrale Bedeutung. Um 3.30 Uhr nachmittags hat Martin als Kind realisiert, dass er von seiner Mutter verlassen wurde. Eine Uhr, die identisch ist mit der, die früher in seinem Haus hing, erinnert für immer an diesen Moment.
Die Rückkehr nach Hause, an den eigenen Geburtsort, nimmt auch in 3.30PM eine zentrale Bedeutung ein. Und selbst Orte werden vom Regisseur als reale Charaktere behandelt: Martin und Anthony treffen sich zunächst an einer Art Nicht-Ort, an einer Art Übergangsort. Eine riesige Baustelle trennt einen historischen Stadtteil Wiens von einem neueren Baugebiet – einer sogenannten Smart City -, in der von der Vergangenheit keine Spur geblieben zu sein scheint und in der wir uns aber auch noch nicht in der Gegenwart befinden. In dieser Art Vorhölle erforschen die beiden Protagonisten ihr eigenes Leben, als wäre all dies eine Art notwendiges Vorritual, bevor sie sich endgültig mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzen. Eine Vorhölle, in der bestimmte Gewissheiten und Bezugspunkte plötzlich verschwinden können – wie zum Beispiel die Schlucht, in der sich eine ältere obdachlose Frau aufhielt – und in der man, wenn man auch nur für einen Moment auf den Horizont schaut, leicht erkennen kann, woher man kommt oder in welche Richtung man geht.
Auch in diesem kleinen und feinen 3.30PM behält Ludwig Wüst die Hauptthemen und Konstanten seines Kinos bei. Auch hier spielen Realismus und Minimalismus eine zentrale Rolle. Mehr ist nicht nötig, um zum Kern der Sache zu kommen. Mehr braucht es nicht für ein Kino, das endlich frei von jedem Element ist, das den Zuschauer von seiner zentralen Botschaft ablenken könnte. Ein Kino, das wir genau aus diesen Gründen immer mehr mögen.
Titel: 3.30PM
Regie: Ludwig Wüst
Land/Jahr: Österreich / 2020
Laufzeit: 74’
Genre: Drama
Cast: Andrew Brown, Markus Schramm, Roswitha Soukup
Buch: Ludwig Wüst
Kamera: Ludwig Wüst
Produktion: Ludwig Wüst
