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RE-GEO / RENDERING RECONSTRUCTIONS OF DESIRE

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von Michaela Schwentner

Note: 8

In re-GEO / rendering reconstructions of desirehat Michaela Schwentner die Quintessenz von Georgette Klein eingefangen, uns die Möglichkeit gegeben, die Künstlerin aus einem sehr intimen und persönlichen Blickwinkel kennenzulernen, und durch ihre Geschichte ein sehr aktuelles Thema behandelt, das eben die Frauen in der Gesellschaft, in der wir leben, betrifft. Auf der Diagonale’22.

Eine neue Georgette

Es ist nicht einfach, Frau zu sein. Vor allem, wenn man gegen Ende des 19. Jahrhunderts geboren wurde und ihr Talent nicht so anerkannt wurde, wie es sein sollte. Dies galt besonders für die Schweizer Künstlerin Georgette Klein (1893-1963), der Regisseurin Michaela Schwentner ihren experimentellen Dokumentarfilm re-GEO /rendering reconstructions of desire, der auf der Diagonale’22 in der Reihe Innovatives Kino Premiere hatte, gewidmet hat. Wer war aber eigentlich Georgette Klein?

Eine Ausbildung als Germanistin. Kurzes Haar, das an einen männlichen Haarschnitt erinnert. Eine große, große Leidenschaft für Kunst in all ihren Formen. Eine ganz und gar friedliche aber leider lieblose Ehe. Ein Haus am Luganer See. Ihr Traumhaus, fast wie ein Kleid für sie. In re-GEO / rendering reconstructions of desire erfahren wir von Georgette Klein durch ihre eigenen Schriften. Ihre Gedanken, Ängste und Gefühle werden auf der Leinwand durch die Gesichter dreier Schauspielerinnen (Aurelia Burckhardt, Lisa Hinterreithner und Vivien Löschner) lebendig, von denen jede die Protagonistin in einer bestimmten Phase ihres Lebens darstellt.

Durch den Bau der Casa Sciaredo (die zu ihrem geliebten Zuhause wurde) formte Georgette Klein nach und nach ihre Persönlichkeit und lernte sich und ihre Wünsche besser kennen. In re-GEO / rendering reconstructions of desire hat Michaela Schwentner also die Quintessenz ihrer Protagonistin voll und ganz eingefangen, uns die Möglichkeit gegeben, die Künstlerin aus einem sehr intimen und persönlichen Blickwinkel kennenzulernen, und durch ihre Geschichte ein äußerst aktuelles Thema behandelt, das eben Frauen und die Schwierigkeit einer vollen Anerkennung in der Gesellschaft, in der wir leben, betrifft.

Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang der Regieansatz. Frauenhände behandeln Holzbretter, als ob sie ein Bauwerk errichten wollten. Ein, viele Bilder der Casa Sciaredo werden sofort zu den absoluten Protagonisten. Die Schauspielerinnen sprechen vor der Kamera, vertrauen sich gegenseitig an und bleiben dann statisch, um Bilder einer vergangenen – unsterblichen – Zeit darzustellen. Die Gesichter der Protagonistinnen werden oft von Fotos von Georgette Klein und ihrem Mann Luigi Tentori verdeckt. Eine Vielzahl von Elementen, die dank einer Inszenierung, die vor allem auf das Wesentliche abzielt und die sich – genau um die in der Wohnung der Protagonistin herrschende Stille widerzuspiegeln – durch eine konstant starre Kamera und einen ausgesprochen ruhigen Rhythmus auszeichnet, noch durch alte Fotos bereichert werden.

re-Geo / rendering reconstructions of desire zeigt uns eine unerwartete, „neue“ Georgette Klein (wie der Titel schon sagt). Eine empfindsame, sehr menschliche aber auch unglaublich leidenschaftliche und mutige Georgette Klein. Michaela Schwentner hat ihre geheimnisvolle Figur auf intelligente und nie vorhersehbare Weise dreidimensional gestaltet. Die Geschichte ihrer Georgette Klein ist auch die Geschichte vieler anderer Frauen, die jeden Tag darum kämpfen müssen, ihr Gleichgewicht und ihren Platz in der Welt zu finden.

Titel: re-GEO / rendering recontructions of desire
Regie: Michaela Schwentner
Land/Jahr: Österreich, Schweiz / 2021
Laufzeit: 33’
Genre: Experimentalfilm
Cast: Aurelia Burckhardt, Lisa Hinterreithner, Vivien Löschner
Buch: Michaela Schwentner
Kamera: Martin Putz, Michaela Schwentner
Produktion: Michaela Schwentner

Info: Die Seite von re-GEO / rendering reconstructions of desire auf der Webseite der Diagonale