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SATURN-FILM – EROTIK UND IRONIE

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1906 wurde die erste österreichische Filmproduktionsfirma von dem Fotografen und Chemiker Johann Schwarzer gegründet: Die Saturn-Film. Diese Produktionsfirma wurde jedoch von Anfang an boykottiert. Warum? Ganz einfach: Weil sie sich ausschließlich auf die Produktion von kleinen Erotikfilmen spezialisiert hatte.

Der andere Film

Es gibt eine singuläre Realität in der Geschichte des österreichischen Films, die seinerzeit einer großen Zahl von Zuschauern verborgen blieb (…soweit es möglich war). Eine Realität, die oft als problematisch angesehen wurde, die der bigotten Gesellschaft der damaligen Zeit nicht gefiel. Und wenn der erste Film in der Geschichte des österreichischen Films Von Stufe zu Stufe von Heinz Hanus (1908) betrachtet wird, so ist der Name der umstrittenen Saturn-Film erst kürzlich wieder ins Rampenlicht gerückt. Aber worum ging es bei dieser Saturn-Film eigentlich?

Seit der Erfindung des Kinematographen durch die Brüder Lumière im Jahr 1895 wurden alle Filme, die im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert in Österreich gedreht wurden, ausschließlich von ausländischen Produktionsfirmen und Kameraleuten (meist aus Frankreich) hergestellt. Doch schließlich wurde 1906 die erste österreichische Filmproduktionsgesellschaft gegründet. Die Rede ist von der Saturn-Film.

Gegründet wurde die Produktionsfirma von dem Fotografen und Chemiker Johann Schwarzer, einem wahren Pionier des österreichischen Films, der aber nie das Ansehen erlangte, das er verdient hätte. Aber warum wurde dann die arme Saturn-Film so boykottiert? Ganz einfach: Weil sie sich ausschließlich auf die Produktion von kleinen Erotikfilmen spezialisiert hatte. Und das hat, wie man sich vorstellen kann, weder der Presse noch den Behörden gefallen. Vor allem, wenn man bedenkt, dass diese erste österreichische Filmproduktionsfirma im Ausland als echte Visitenkarte der siebten Kunst in Österreich präsentiert werden würde. Doch trotz der vielen Schwierigkeiten kann man Johann Schwarzer unternehmerisches Talent und klugen Weitblick nicht absprechen.

Der Fotograf war eigentlich noch sehr jung, als er die Saturn-Film gründete. Tatsächlich war er erst sechsundzwanzig Jahre alt und nachdem er in der Fasangasse 49 (im dritten Wiener Gemeindebezirk) ein kleines Fotostudio eröffnet hatte, interessierte er sich bald für die Filmkunst, von der er schon immer fasziniert gewesen war. All die faszinierenden Modelle, die sich täglich in seinem Atelier drängten, brachten ihn dazu, die bereits erwähnten erotischen Filme zu drehen (erstmals beworben von einer österreichischen Filmzeitschrift am 3. November 1906). Und ab 1907 begann der Vertrieb dieser Filme auch im Ausland über einen Katalog, über den der Verkauf erfolgte.

Alle Filme des Katalogs von 1907 sind detailliert erfasst, von den Katalogen aus späteren Jahren ist leider nichts erhalten geblieben. Der Saturn-Film wurde so erfolgreich, dass Johann Schwarzer ein neues Studio am Arenbergring eröffnete, in der Nähe von der Altstadt der österreichischen Hauptstadt.

In den wenigen Jahren seiner Existenz hatte Saturn-Film, trotz aller Kontroversen, die er auslöste, viele Bewunderer. Und sie war auch besonders produktiv: Sie produzierte zweiundfünfzig Werke, von denen leider nur sechsundzwanzig bis heute erhalten geblieben sind. Es handelt sich um sehr kurze Filme, die höchstens zehn Minuten dauern.

Schwarzers Filme zeichnen sich durch einen rudimentären Regieansatz aus, der ohne Kamerabewegungen auskommt und sich ganz auf die Lust am Voyeurismus verlässt. Tatsächlich finden sich die Modelle, die hier mitspielen, oft in eher alltäglichen Situationen wieder, wie beim Arzt (in Der Hausarzt, 1908), beim Putzen des Hauses (in Das eitle Stubenmädchen, 1908), beim Baden (in Baden verboten, 1906) oder sogar beim Verkauf auf einem Sklavenmarkt (in Am Sklavenmarkt, 1906). Und jeder dieser Filme zeichnete sich auch durch eine feine Ironie aus.

In den Filmen von Johann Schwarzer wurde nie Geschlechtsverkehr gezeigt. Und obwohl die Schauspielerinnen stets nackt auftraten (worauf auch der Slogan der Produktionsfirma hinwies), war das Hauptziel von der Saturn-Film, Filme mit rein künstlerischen Absichten zu schaffen. Genau wie die Fotos von Schwarzer. Doch diese Realität passte nicht zu einer Gesellschaft, die noch zu bigott war.

Und so wurde 1911 eine große Anzahl von Schwarzers Filmen von der Polizei beschlagnahmt und zerstört, und die lebenslustige Saturn-Film musste leider schließen. Und Johann Schwarzer hatte ein noch grausameres Schicksal: Er meldete sich als Reserveleutnant im Ersten Weltkrieg und fiel am 10. Oktober 1914 im Alter von 34 Jahren im Kampf.

Es sollte noch viele Jahre dauern, bis Schwarzer und seine Saturn-Film endgültig ins Rampenlicht zurückkehren sollten. Nach sorgfältiger Restaurierung vom Filmarchiv Austria wurden die uns heute überlieferten Filme wieder freigegeben. Im Gegensatz zu früher gelten sie heute als wahre Juwelen der österreichischen Filmgeschichte. Als wertvolle Dokumente, die auch mal ein herzhaftes Lachen entlocken können. Und das ist das beste Geschenk, das uns der mutige und weitsichtige Johann Schwarzer hinterlassen konnte.

Info: Die Biographie von Johann Schwarzer, dem Gründer von der Saturn-Film, auf iMDb