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WHERE MY GRANDFATHER USED TO SIT

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von Lorenz Zenleser

Note: 7.5

Wo beginnt die Fiktion und wo endet die Realität? Und genau in der Überlegung über das Konzept von Fiktion und Realität kommt in Where my Grandfather used to sit auch unsere geliebte Filmkunst ins Spiel. Auf dem Vienna Shorts 2024.

Für immer unsterblich

Was bleibt, wenn ein Mensch, den wir so sehr geliebt haben, nicht mehr lebt? Wie verändert sich der Ort, an dem dieser Mensch viele, viele Jahre gelebt hat? Oft bleibt ein leeres Haus zurück, in dem Stille herrscht und in dem man, selbst wenn man sich konzentriert, kein Geräusch mehr hört, außer den Geräuschen von draußen. Der Regisseur Lorenz Zenleser weiß das genau: In seinem intensiven Kurzfilm Where my Grandfather used to sit – präsentiert im Rahmen vom Vienna Shorts 2024 in der Sektion ÖW – “Österreich Wettbewerb” – zeigte er uns das Haus in Bozen, in dem sein Großvater Paul fast sein ganzes Leben lang lebte.

Where my Grandfather used to sit zeichnet sich daher sofort durch einen äußerst einfachen und direkten Regieansatz aus. Lorenz Zenlesers Kamera bleibt ständig starr, um uns die leeren Räume von Pauls Haus, Details von Regalen voller Schuhe, alte Fotos, Zeitschriftenständer und vor allem das Sofa zu zeigen, auf dem der Mann zu sitzen pflegte und auf dem der Regisseur selbst oft mit ihm und seiner ganzen Familie saß. Es herrscht Stille. Nur im Hintergrund sind Geräusche von der Straße zu hören. In Where my Grandfather used to sit gibt es nicht einmal Platz für eine Off-Stimme. Nur ein paar Untertitel erzählen uns die Geschichte des Protagonisten.

In den letzten Jahren seines Lebens pflegte Paul viele Geschichten zu erzählen. Geschichten über seine Kindheit, den Krieg, die verschiedenen Veränderungen, die seine Stadt erlebte, und sogar über seine Begegnung mit der Frau, die später seine Frau werden sollte. Aber waren all diese Geschichten wahr? Wo beginnt die Fiktion und wo endet die Realität? Und bei der Überlegung, was Fiktion und was Realität ist, kommt in Where my Grandfather used to sit auch Film ins Spiel. Lorenz Zelneser hatte mit seinem Großvater über seine Arbeit als Filmemacher gesprochen. Aber auch sein Großvater hatte zu seiner Zeit zahlreiche Filme auf Super 8 gedreht. Ein Film schien jedoch für immer verloren zu sein. Ein Film, den Paul während eines Urlaubs gedreht hatte, bei dem zahlreiche Sonnenuntergänge gefilmt wurden.

Dann passiert ein Wunder: Nach Pauls Tod wird der Film in einem Schrank gefunden. Lorenz Zenleser kann ihn endlich sehen (und ihn uns zeigen). Und so ist der zweite Teil dieses kurzen und wertvollen Where my Grandfather used to sit ganz dem besagten Film gewidmet, von dem uns nur die Sonnenuntergänge gezeigt werden, einer nach dem anderen. Sonnenuntergänge, die hier im Kontext sofort eine metaphorische Bedeutung erhalten. Leben und Tod. Aber nach dem Tod beginnt immer ein neuer Tag. Film hat also die wichtige Aufgabe, all dies unsterblich zu machen. Der Großvater des Regisseurs lebt nicht mehr, aber er und seine persönliche Art, die Welt zu betrachten, gerade durch diesen Kurzfilm, aber auch durch die Filme, die er gemacht hat, werden auf die eine oder andere Weise für immer weiterleben.

Titel: Where my Grandfather used to sit
Regie: Lorenz Zenleser
Land/Jahr: Österreich / 2023
Laufzeit: 9’
Genre: Dokumentarfilm
Buch: Lorenz Zenleser
Kamera: Lorenz Zenleser, Paul Zenleser
Produktion: Lorenz Zenleser

Info: Die Seite von Where my Grandfather used to sit auf der Webseite vom Vienna Shorts