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INTERVIEW MIT DANIEL HADENIUS-EBNER

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Anlässlich des Festivals Vienna Shorts 2024 hat Cinema Austriaco ein Interview mit dem Co-Intendanten Daniel Hadenius-Ebner geführt, um mehr über diese Ausgabe des Festivals und seine Arbeit im Allgemeinen zu erfahren. Herausgegeben von Marina Pavido.

Marina Pavido: Kannst du uns etwas über diese Ausgabe des Vienna Shorts Film Festivals erzählen?

Daniel Hadenius-Ebner: Ganz grundsätzlich geht es uns mit dem Festival immer darum, herausragendes Kurzfilmkino und außergewöhnliche Talente nach Österreich zu bringen – und diesem Ziel haben wir uns auch heuer wieder voll und ganz verschrieben. Insgesamt stehen an sechs Tagen knapp über 300 Filme aus 67 Ländern am Programm, wobei die Filme stets in abendfüllende Programme thematisch eingefasst sind und größtenteils zum ersten Mal in Wien zu sehen sind. Während die vier Wettbewerbe das Herzstück bilden (schließlich geht es da nicht nur um Preisgeld, sondern auch um Qualifikationen für Oscars oder Europäischen Filmpreis), widmen wir uns im Fokus heuer ganz der Sehnsucht als innerer Antriebskraft und diesem Wunsch nach mehr: mehr Frieden, mehr Freiheit, mehr Beständigkeit, mehr Paradies.

M. P.: Kannst du uns etwas mehr über die verschiedenen Sektionen des Festivals erzählen?

D. H.E.: Das Festival ist insgesamt sehr breit aufgestellt und bietet Programm für Groß und Klein. In diesem Jahr wurde etwa die Kinder- und Jugendschiene mit einem eigenen “Coming of Shorts”-Tag noch einmal gestärkt, für Freund:innen des animierten Films gibt es am Festivalfreitag einen ganzen Animationstag inklusive einer sechsstündigen Live-Performance und Open-Air-Programm. Fans von Musik vor und auf der Leinwand kommen mit dem Österreichischen Musikvideopreis inklusive Live-Konzert von Kimyan Law sowie mit zwei grandiosen audiovisuellen Live-Performances auf ihre Kosten. Dazu gibt’s dieses Jahr auch wieder Genre-Kino vom Feinsten in der Late Night – und naturgemäß kommen wir beim Festival auch an politischen Themen nicht vorbei, schließlich setzt sich der Kurzfilm oft auch sehr bewusst und sehr kritisch mit der Welt um uns herum auseinander.

M. P.: Während des Festivals wird es auch möglich sein, Regisseur:innen und Schauspieler:innen zu treffen und mit ihnen über die von ihnen präsentierten Werke zu sprechen. Wie wichtig ist es für das Publikum, an solchen Veranstaltungen direkt beteiligt zu sein?

D. H.E.: Wir haben nicht zuletzt während der Corona-Pandemie gemerkt, als wir Vienna Shorts zweimal nur online abhalten konnten, wie essentiell dieser direkte Kontakt und die Möglichkeit, die Menschen hinter den Filmen zu treffen, für ein Festivalerlebnis ist. Daher ist es uns ein zentrales Anliegen, möglichst viel Raum für Gespräche und Begegnungen zu schaffen: sei es zwischen Filmschaffenden und Publikum, aber auch zwischen internationaler und österreichischer Branche. Gerade bei den Porträt-Programmen, die in diesem Jahr dem französischen Genre-Auteur Yann Gonzalez und der südafrikanischen Künstlerin Jyoti Mistry gewidmet sind, wird es etwa auch ausführliche Gespräche mit den Künstler:innen geben. Aber auch sonst haben wir heuer sehr viele Gäste vor Ort, mit denen es auch immer Q&As geben wird – oder die man später an der Bar oder im Club dann einfach gleich direkt ansprechen kann.

M. P.: Du bist der Mitbegründer des Vienna Shorts Film Festivals, kannst du uns erzählen, wie die Idee zu diesem Projekt entstanden ist?

D. H.E.: Das Festival ist damals, wenn man so will, aus einer Art inneren Notwendigkeit heraus entstanden. Anfang der 2000er gab es in Wien keine größere Plattform für Kurzfilme, obwohl zu dieser Zeit durch die digitale Revolution bereits jedes Jahr mehr Filme entstanden sind. Parallel wuchsen mehrere kleinere Initiativen aus dem Boden, die sich 2003 dann mal alle an einen Tisch gesetzt und überlegt haben, ob diese ganzen kleineren Projekte nicht in eine gemeinsame Festivalwoche zusammengeführt werden könnten. So war die Idee zum Festival geboren – und nachdem das gleich im ersten Jahr auf sehr viel Anklang gestoßen ist, wurde die Idee dann weitergeführt und Jahr für Jahr ausgebaut. Das lief dann in den ersten Jahren alles noch sehr studentisch und basisdemokratisch ab, bis dann in den 10er Jahren eine klarere programmatische und organisatorische Struktur eingeführt und das Festival schließlich auch auf sehr professionelle Beine gestellt wurde.

M. P.: Wie wichtig ist deiner Meinung nach ein Filmfestival heute als politisches Mittel?

D. H.E.: Filmfestivals nehmen unserer Ansicht nach eine enorm wichtige politische Rolle ein. Einerseits wenn es um Filmpolitik geht, da Festivals a) jene Orte sind, an denen Debatten geführt werden, und weil b) viele Filme überhaupt nur noch auf Festivals zu sehen sind. (Ohne Festivals wäre also das gesamte aktuelle Filmfördersystem doch sehr in Frage zu stellen.) Andererseits sind Festivals aber oft auch unsere Fenster zur Welt: Wo nehmen wir uns heute, in einer Zeit der kurzen Nachrichten- und Social-Media-Schnipsel, denn noch die Zeit, uns mit Menschen, Kulturen oder anderen Ländern tiefergehend zu beschäftigen, wenn nicht im Kino? Das Festival nimmt dabei eine wichtige Rolle ein, denn es gibt Filmen einen Raum, die den Finger in offene Wunden unserer Gesellschaft legen oder versuchen, mit künstlerischen Mitteln zu inspirieren, konfrontieren oder Grenzen auszuloten.

M. P.: Was sind die wichtigsten Pläne für die nächsten Ausgaben?

D. H.E.: Gerade im organisatorischen Bereich haben wir in den vergangenen Jahren vieles angestoßen, das wir in den nächsten Jahren auch konsolidieren wollen. Wir haben z.B. unsere gesamte digitale Infrastruktur neu aufgesetzt, von der eigenen Festival-App bis hin zur Streamingplattform THIS IS SHORT. Wir tragen mittlerweile das Österreichische Umweltzeichen und führen große Teile des Festivals als Green Event durch. Und seit diesem Jahr legen wir auch einen stärkeren Fokus auf das Festival als “safer space”, indem wir sowohl einen Code of Conduct als auch Awareness-Teams und Content Notes eingeführt haben. In den kommenden Jahren wird es daher nicht zuletzt darum gehen, diese vielen Ebenen des Festivals gut zusammenzudenken, sodass wir unserem selbst formulierten Anspruch “Fair & Grün” auch nachhaltig gerecht werden können.

M. P.: Warum sind Kurzfilme besser?

D. H.E.: Ich würde hier sofort antworten, weil sie sich an keine Regeln halten müssen – aber ich habe in den vergangenen Jahren schon auch gemerkt, dass die Zugänge hier ganz unterschiedlich sein können. Grundsätzlich kann der Kurzfilm ja alles sein (nur nicht lang): Er kann eine Geschichte erzählen oder abstrakt sein, kann mit einem Genre spielen oder visuell überzeugen, er kann uns in kürzester Zeit für soziale Brennpunkte sensibilisieren oder mit geringsten Mitteln eine enorme emotionale Resonanz erzeugen. Nachdem wir unter Kurzfilm alles zwischen 1 und 30 Minuten verstehen, kann die Bandbreite also wirklich sehr groß sein. Manchmal ist es die radikale Utopie, die einen förmlich umwirft; dann ist es die kreative Art des Geschichtenerzählens, die uns überraschen kann; und dann wieder ist es die provokante Umsetzung, die uns zum Lachen bringt oder uns ohne Umschweife in der Magengrube trifft. Sicher ist nur: Wenn der Film gut ist, wird er beim Publikum jedenfalls einen bleibenden Eindruck hinterlassen – und das ist beim Festival unser erklärtes Ziel.

M. P.: Eine letzte Frage: Was ist Film für dich?

D. H.E.: Fellini hat einmal gesagt, dass Filme ein kurzes Vakuum darstellen, in dem du von deinen Problemen befreit bist. Das fand ich immer sehr schön, weil mich manche Filme tatsächlich Raum, Zeit und Gegenwart vergessen lassen. Gleichzeitig mag ich auch die Universalität der Kunstform, die uns die Welt in den vergangenen Jahrzehnten so viel näher gebracht hat, schlicht über die Kraft der bewegten Bilder, die überall gemacht, gesehen und verstanden werden. Und letztlich ist Film auch zu meinem Beruf geworden, der mich über die Jahre mit so vielen spannenden und tollen Leuten zusammengeführt hat – von Filmschaffenden aus der ganzen Welt über fantastische Kolleg:innen in Wien bis hin zu meiner Frau, die ich ebenfalls über diese Arbeit kennengelernt habe. Insofern erfüllt mich der Film als ein Symbol für Gemeinsamkeit auch mit sehr viel Dankbarkeit.

Info: Die Webseite des Vienna Shorts Film Festivals