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von Adolf Ehn
Note: 7.5
In dieser durchdachten Hybridform erscheint uns Die Passionsspiele im Tiroler Thiersee als ein besonders feines, wertvolles und seltenes historisches Dokument, das uns eine Realität zeigt, die vielen Menschen auch heute noch unbekannt ist. Restauriert vom Filmarchiv Austria und präsentiert auf dem Kanal Filmarchiv On.
Traditionen
Bereits seit dem 17. Jahrhundert wird in der kleinen Stadt Thiersee in Tirol eine bedeutende Tradition gepflegt. Hier wurden nämlich bereits 1695 die ersten Aufführungen der Passion Christi dokumentiert, und im Laufe der Zeit, insbesondere ab 1799, wurde diese Tradition von der Bevölkerung fortgeführt, um die Bedrohung durch die napoleonischen Truppen sowie jeden möglichen Krieg und jedes Unglück abzuwenden. Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang der kurze Dokumentarfilm Die Passionsspiele im Tiroler Thiersee, der 1938 vom Regisseur Adolf Ehn gedreht, kürzlich vom Filmarchiv Austria restauriert und auf dem Kanal Filmarchiv On präsentiert wurde.
Die Passionsspiele im Tiroler Thiersee zeigt uns also konkret eine dieser Aufführungen der Passion Christi, die verschiedenen Quellen zufolge im Jahr 1936 im Passionsspielhaus, das 1926 eigens für diesen Zweck erbaut wurde, stattfand. Vor Beginn der Aufführung wollte uns der Regisseur jedoch den besonderen Kontext, in dem sie stattfand, und natürlich auch die Hauptdarsteller:innen vorstellen, die sie ermöglicht haben.
In der kleinen Stadt Thiersee verläuft das Leben ruhig. Die Straßen sind elegant und gepflegt, und der Ort selbst ist zweifellos recht malerisch. Doch während sich die Kamera durch die Straßen der Stadt bewegt, fällt uns sofort etwas auf, das diese kleine Welt für lange, lange Zeit verändern sollte: An einigen Fenstern hängen die Fahnen der Nationalsozialistischen Partei. Nur zwei Jahre später (also genau zu dem Zeitpunkt, als Die Passionsspiele im Tiroler Thiersee entstand) sollte der Anschluss stattfinden, und diese Tradition würde unterbrochen werden, um erst ab 1955 wieder aufgenommen zu werden.
Jedenfalls führt uns dieser interessante Film Die Passionsspiele im Tiroler Thiersee also an die Hand durch diese kleine Realität, die im Laufe der Jahre immer mehr an Bedeutung gewonnen hat. Nachdem wir einige Orte der Stadt besucht haben, werden uns nun nacheinander die Hauptdarsteller:innen vorgestellt. Jede:r von ihnen hat einen eigenen Beruf und ein eigenes Leben, ist aber für diesen Anlass bereit, eine ganz bestimmte Figur zu verkörpern. Nur wenig später, im bereits erwähnten Passionsspielhaus, verwandeln sich die zuvor getroffenen Personen in Jesus Christus, die Muttergottes, Pontius Pilatus und so weiter. Und zum ersten Mal vor der Kamera kann die Aufführung endlich beginnen.
Nachdem Adolf Ehn zunächst einen dokumentarischen Ansatz gewählt hat, bevorzugt er im zweiten Teil seines Films Die Passionsspiele im Tiroler Thiersee den Stil eines regelrechten Spielfilms, indem er den Darsteller:innen während der Aufführung Schritt für Schritt folgt und uns alles praktisch hautnah miterleben lässt. Und in dieser hybriden und gut durchdachten Form erscheint uns dieses Werk als besonders fein – ein wertvolles und seltenes historisches Dokument, das uns eine Realität vor Augen führt, die vielen Menschen auch heute noch unbekannt ist.
Titel: Die Passionsspiele im Tiroler Thiersee
Regie: Adolf Ehn
Land/Jahr: Österreich / 1938
Laufzeit: 13’
Genre: Dokumentarfilm
Buch: Adolf Ehn
Kamera: Adolf Ehn
Produktion: ÖVW
