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von Harry Putz
Note: 9
Der intensive und schmerzhafte Dokumentarfilm Requiem in Weiss, der auf 13 Alpengletschern gedreht wurde, ist ein Liebesbeweis der Menschen, die täglich in den Bergen leben und sie wirklich ihr Zuhause bezeichnen können.
Unsere wertvollen Gletscher feiern
Der einzigartige Dokumentarfilm Requiem in Weiss von Harry Putz ist eine bewegende Hommage an die Alpengletscher, die bald verschwinden werden und daher einen letzten Abschied verdienen, der durch die Arbeit des am Arlberg aufgewachsenen Alpendokumentarfilmers perfekt inszeniert wird. Zwischen Wissenschaft und Emotionen hat Putz‘ spannende Reise durch Deutschland, Österreich, die Schweiz und Italien alles, was es braucht, um zu einer Trauerrede für die Opfer des Klimawandels und der sinnlosen Ausbeutung der Ressourcen durch den Menschen zu werden.
Requiem in Weiss wurde auf 13 Alpengletschern gedreht und ist eine Liebeserklärung von Menschen, die die Berge in sich tragen, die sie täglich erleben, die sie, kurz gesagt, wirklich ihr Zuhause nennen können. Aus diesem Grund untersucht Harry Putz, Filmemacher und ehemaliger Profi-Snowboarder, alle möglichen Perspektiven und interviewt Wissenschaftler:innen, Bauunternehmer:innen, Aktivist:innen und Politiker:innen. Kurz gesagt, alle Facetten werden beleuchtet, von der wissenschaftlichen Forschung über die Logik des Profits bis hin zu den Emotionen, die die Alpenlandschaft hervorruft, und nicht zuletzt zum guten, gesunden Menschenverstand. Putz‘ Analyse geht von unbestreitbaren Daten und der Erkenntnis aus, dass die Gletscher der Ostalpen endgültig verschwinden werden. Nach Ansicht der vom Regisseur interviewten Expert:innen ändern sich die Bedingungen und man muss so schnell wie möglich etwas tun.
Während jedoch der Permafrost – das berühmte ewige Eis – dem Begriff der Ewigkeit eine neue Bedeutung geben wird, da auch er langsam verschwindet, sind die Gletscher mit einer weiteren, ebenfalls unaufhaltsamen Bedrohung konfrontiert: Dem Tourismus. Requiem in Weiss gelingt es, in einer Stunde und ein paar Minuten Dokumentarfilm die gesamte Erzählung der Protagonisten der Geschichte, nämlich der Gletscher, zu erzählen, als handele es sich um einen klassischen Abenteuerroman. Es gibt Freunde und Helfer (Wissenschaftler:innen und Aktivist:innen) und es gibt Feinde (diejenigen, die nur mögliche Gewinne sehen). Es ist praktisch ein Wettlauf gegen die Zeit für alle, und die Tourist:innen, egal ob Sommer- oder Wintertourist:innen, stehen ein wenig dazwischen, vielleicht ganz unbewusst. Und wie in den besten Meisterwerken der Literatur, meiner Meinung nach, gibt es kein „und alle lebten glücklich und zufrieden“, es gibt kein Happy End für diese Geschichte, die mit Anbeginn der Zeit begann und sogar früher enden wird, als man vorhersehen konnte.
Was bleibt also von Requiem in Weiss? Großglockner, Pasterze, Zugspitze, Hintereisferner, Piz Bernina, Aletschgletscher, Rettenbachferner, Rhonegletscher: Die großen Namen der Berge und Gletscher der Alpen bildeten die ideale Kulisse für die beeindruckenden Aufnahmen von Putz, Mitbegründer und Kurator des Freeride Film Festivals. Auch als am Fuße des höchsten Gipfels Österreichs die Beerdigung eines Eisstücks gefeiert wurde. Die Grenze zwischen Immanenz und Transzendenz verläuft auch durch dieses Stück Eis, das in der Sonne tropft: Das ist nichts Neues, Eis schmilzt seit jeher, aber noch nie so schnell.
„Begraben wir die Vergangenheit oder begegnen wir dem Anthropozän?“, fragt man sich während der Trauerfeier, und angesichts dessen, was uns anschließend gezeigt wird – von der Stabilisierung der Hänge bis zu den Abdeckungen, von den Schneedepots bis zu den künstlichen Beschneiungsanlagen –, scheint die Antwort ein Versuch zu sein, etwas zu beherrschen, das eigentlich unkontrollierbar ist: Die Natur. Und so, während das Requiem in Weiß zu Ende geht, hinterlässt Putz uns mit einer düsteren und melancholischen Frage: Wie wollen wir uns von unseren Gletschern verabschieden? Mit respektvoller Ehrfurcht, möchte ich antworten.
Titel: Requiem in Weiss
Regie: Harry Putz
Land/Jahr: Österreich / 2025
Laufzeit: 60’
Genre: Dokumentarfilm
Buch: Harry Putz
Kamera: Martin Stoni, Harry Putz
Produktion: Freiluftdoku
