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È A QUESTO PUNTO CHE NASCE IL BISOGNO DI FARE STORIA

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von Constanze Ruhm

Note: 8

Extrem lebendige, pulsierende, fast in der Zeit schwebende Bilder schenken uns Momente reiner Schönheit. Und durch diese Schönheit lernen wir, wie wichtig es ist, niemals zu vergessen, was gewesen ist. All dies (und noch mehr) ist È a questo Punto che nasce il Bisogno di Fare Storia. Auf dem FIDMarseille 2024.

Carla, Suzanne und die anderen…

Eine zweifellos bemerkenswerte Persönlichkeit, die italienische Feministin und Aktivistin Carla Lonzi (1931 – 1982). Nachdem wir sie jahrelang studiert hatten, hatten wir die Gelegenheit, sie anlässlich der Ausstellung Come una Pupilla al Variare della Luce (2023) der Regisseurin Constanze Ruhm wieder zu „treffen“. Und genau Ruhm wollte uns zunächst mit der erwähnten Ausstellung und dann mit dem Film È a questo punto che nasce il Bisogno di fare Storia, der auf der FIDMarseille 2024 uraufgeführt wurde, auf eine wunderbare Reise mitnehmen, die in der Welt von Carla Lonzi beginnt (ausgehend von ihrem Buch Armande, sono io!), dann bis ins 17. Jahrhundert, bis in die 1970er Jahre und schließlich bis in die Gegenwart führt.

Nur wenige wissen heute, dass es im 17. Jahrhundert in Frankreich eine Gruppe proto-feministischer Aktivistinnen gab, die sich „Die Preziösen“ nannten. Nur wenige sind sich ihrer Existenz bewusst, da sie zu ihrer Zeit leider nicht die Aufmerksamkeit erhielten, die sie verdient hätten. Carla Lonzi hatte sich in den letzten Jahren ihres Lebens für sie interessiert. Dieses wichtige Projekt von ihr blieb jedoch unvollendet. Zumindest bis heute. Und so entwickelt È a questo punto che nasce il Bisogno di fare Storia nicht nur das ursprüngliche Projekt auf seine Weise weiter, sondern weitet seinen Diskurs noch weiter aus. Nicht nur Film, sondern auch Fotografie, Literatur und Theater stehen auf der Kinoleinwand im Mittelpunkt eines Werks, das auf halbem Weg zwischen Dokumentar- und Spielfilm liegt. Ein Werk, in dem Vergangenheit und Gegenwart sowie viele Geschichten außergewöhnlicher Frauen immer wieder zu einer wunderschönen Harmonie zusammenfinden.

È a questo Punto che nasce il Bisogno di fare Storia. Der Titel spricht für sich selbst und lässt uns sofort erkennen, wie wichtig die Zeit und die Erinnerung in diesem Spielfilm von Constanze Ruhm sind. Um sicherzustellen, dass bestimmte Fehler nie wieder gemacht werden, muss man sich ständig an die Vergangenheit erinnern. Die Zeit ihrerseits wird als äußerst flexible und flüchtige Entität beobachtet. Eine Entität, in der sich die Kamera elegant bewegt, von einem Jahrhundert zum anderen reist und einen Diskurs anspricht, der aktueller und dringlicher denn je ist. Eine Entität, die für Constanze Ruhm schon immer eine besondere Faszination ausgeübt hat. Wie schon in dem ausgezeichneten Film Gli Appunti di Anna Azzori. Uno Specchio che viaggia nel Tempo (2020).

Mit einem Ansatz, der in vielerlei Hinsicht dem des vorangegangenen Spielfilms ähnelt, zeigt uns die Regisseurin beeindruckende Bilder von vielen Frauen, die mal der Vergangenheit angehören, in einem kleinen sizilianischen Theater, mal in der Gegenwart leben und sich in einem römischen feministischen Verein treffen. Frauen, die sich gleichzeitig ähneln und unterschiedlich sind. Frauen mit ebenso vielen Berufen, Frauen, die gelitten haben, Frauen, die, wie die Scherben eines zerbrochenen Spiegels, nicht mehr dieselben sind, die sie einmal waren, die aber durch ihre Wunden viele neue Arten der Betrachtung der Realität erworben haben. Genau so viele wie die Bruchstücke des erwähnten Spiegels.

Elegante weibliche Figuren, die inmitten eines Hofes völlig still stehen, werden fotografiert. Ihre Bilder sind dazu bestimmt, für viele, viele Jahre in der Zeit und im Gedächtnis zu bleiben. Nur der Wind scheint gelegentlich in der Lage zu sein, ihre Kleider und Haare zu bewegen. Doch dann, plötzlich, versammeln sich andere Frauen zu einem Casting oder um ein Theaterstück zu inszenieren. Es sind Carla, Susanne (Santoro), Maria Grazia (Chinese), Artemisia (Gentileschi). Sie sind es, die die Fragmente des Spiegels wie ein Puzzle langsam wieder zusammensetzen. Und während Radio Daphne uns ab und zu über Ereignisse informiert, die so viele Frauen wie sie betreffen, machen ergreifende, minimalistische Musik oder auch nur die einfachen Geräusche der Natur diesen È a questo Punto che nasce il Bisogno di fare Storia noch wertvoller. Äußerst lebendige, pulsierende, fast in der Zeit schwebende Bilder schenken uns Momente reiner Schönheit. Und durch diese Schönheit lernen wir, wie wichtig es ist, niemals zu vergessen, was gewesen ist.

Titel: È a questo Punto che nasce il Bisogno di fare Storia
Regie: Constanze Ruhm
Land/Jahr: Österreich, Portugal / 2024
Laufzeit: 96’
Genre: Dokumentarfilm, Experimentalfilm
Cast: Saret Lusi, Valentina Mei, Elettra Luna Pandolfi, Letizia Santillan, Rosa Vanucci, Claudia Zanetti, Katharina Aigner, Hicran Ergen, Ipek Hamzaoğlu, Miyu Haydn, Berenice Pahl, Christiana Perschon, Younis Perschon, Anna Rimmel, Valentina Waldner, Gemma Vanuzzi, Nicole Papa, Judith van der Werff, Inge Maux, Rebecca Cipolla, Chiara Constantini, Benedetta Colantoni, Dominiziana De Fulvio
Buch: Constanze Ruhm
Kamera: Hannes Böck
Produktion: Anže Peršin, Constanze Ruhm

Info: Die Seite von È a questo Punto che nasce il Bisogno di fare Storia auf der Webseite der sixpackfilm; Die Seite von È a questo Punto che nasce il Bisogno di fare Storia auf der Webseite vom FIDMarseille