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STILLS: A MOVIE

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von Linda Christanell

Note: 8.5

Stills: A Movie ist ein Bewusstseinsstrom, ein liebevoller und nostalgischer Blick auf das, was gewesen ist und was, wenn auch nur in Form von Karten oder Fotografien, auch heute noch ist. Was aber, wenn es stattdessen in erster Linie eine einfache und doch komplexe Überlegung über die Kunst in all ihren Formen ist? Es liegt an dem Zuschauer, am Ende des Films seine eigenen Schlussfolgerungen zu ziehen.

Fragmente

In den 1920er Jahren begann der berühmte russische Filmemacher Lew Wladimirowitsch Kuleschow, der von dieser neuen Erfindung namens Kino völlig fasziniert war, sich intensiv mit der Montage und all ihren Möglichkeiten zu beschäftigen. Die Entdeckung, dass sich die Bedeutung eines Bildes in Abhängigkeit von dem ihm vorausgehenden oder nachfolgenden Bild ändern kann, war in der Welt der neu entstandenen Filmkunst etwas völlig Revolutionäres. Und so wurde das berühmte Experiment, das uns die Macht des „Kuleschow-Effekts“ zeigen sollte und an dem der Schauspieler Iwan Mosschuchin beteiligt war (der immer mit demselben Ausdruck gefilmt wurde, dessen Bedeutung sich je nach den Bildern, mit denen er verbunden war, änderte), zu einem echten Meilenstein in der Filmgeschichte. Dementsprechend wurde auch der Kurzfilm Stills: A Movie, bei dem die Künstlerin, Filmemacherin und Fotografin Linda Christanell 2013 Regie führte, nach diesem Prinzip gedreht.

Getreu Kuleschows Theorien besteht Stills: A Movie also aus einer Reihe von Fotografien (meist in Schwarz-Weiß), die nacheinander geschnitten wurden. Nur sporadische, kurze Bildunterschriften deuten Erinnerungen und Gefühle der Protagonistin an. Bilder von Straßenbahnschienen. Ein Foto zusammen mit einer Straßenbahnfahrkarte. Und wieder Bilder von Dächern, alten Werbungen, Stadtstraßen (wo sind wir? Wien? Luzern?), alte Fotografien, die zusammen mit Zeichnungen auf einer Fläche angeordnet sind. Die Aufschrift ‚Art is Concrete‘.

In Stills: A Movie, das in Zusammenarbeit mit Hubert Sielecki in seinem Atelier entstanden ist, lassen uns die Bildunterschriften an Erinnerungen an eine vergangene Zeit denken (wie das Schwarz-Weiß und das Geräusch eines Diaprojektors, das uns während des gesamten Films begleitet und das gegen Ende immer frenetischer wird). An eine verlorene Liebe. An einen romantischen und doch melancholischen Herbstregen. Nur sporadisch taucht Farbe auf der Kinoleinwand auf. Vergangenheit und Gegenwart treffen aufeinander, kollidieren, vermischen sich, aber es scheint, dass die Vergangenheit fast immer die Oberhand gewinnt.

Stills: A Movie ist ein Bewusstseinsstrom, ein liebevoller und nostalgischer Blick auf das, was gewesen ist und was, wenn auch nur in Form von Karten oder Fotografien, auch heute noch ist. Was wäre, wenn es sich stattdessen in erster Linie um eine einfache und doch komplexe Überlegung über die Kunst in all ihren Formen handelt? Die wenigen, aber wesentlichen Aufschriften, die in den Bildern erscheinen, scheinen in dieser Hinsicht viel zu sagen. Gleichzeitig ist es aber, wie bereits erwähnt, der Zuschauer, der am Ende des Films seine eigenen Schlussfolgerungen ziehen muss. Linda Christanell ist sich dieser Tatsache wohl bewusst und hat uns mit diesem wertvollen Stills: A Movie ein schönes Geschenk gemacht, das uns neben scheinbar abstrakten und sehr kontemplativen Bildern auch interessante Denkanstöße liefert.

Titel: Stills: A Movie
Regie: Linda Christanell
Land/Jahr: Österreich / 2013
Laufzeit: 9’
Genre: Experimentalfilm
Buch: Linda Christanell
Kamera: Linda Christanell
Produktion: Linda Christanell, Hubert Sielecki

Info: Die Seite von Stills: A Movie auf der Webseite der sixpackfilm