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SURFACE SÉANCE

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von Michael Heindl

Note: 7.5

In Surface Séance hat man das Gefühl, sich in einem endlosen schwarzen Raum zu bewegen, in dem es stark nach Eisen und geschmolzenen Bremsen riecht, mit der formlosen weißen Masse als Leitgeist. Eine abstrakte und unterschwellige Reise in den Stadtalltag. Auf dem Vienna Shorts 2024.

Unter den Straßen Wiens

Im Wettbewerb vom Vienna Shorts 2024, vom 28. Mai bis 2. Juni, ist Michael Heindls jüngstes Werk eine synästhetische Erfahrung, die das Schauen und Hören in seiner sehr persönlichen Interpretation einer nächtlichen Fahrt in der Wiener U-Bahn herausfordert. So hat man beim Anschauen der über 4 Minuten langen Surface Séance das Gefühl, sich in einem schwarzen, unendlichen Raum mit starkem Geruch nach Eisen und geschmolzenen Bremsen zu bewegen, wobei die gestaltlose weiße Masse als Leitgeist dient. Eine abstrakte und unterschwellige Reise in den Stadtalltag.

Nicht-mattes, glänzendes Schwarz, ein Hintergrundgeräusch, das den Radiergummis ähnelt, die wie wenige das Papier des Notizbuchs durchstoßen können, und ein weißer Wirbel, der seine Form sehr oft ändern wird. So beginnt Michael Heindls Surface Séance, ein Wechsel aus millisekundenlangen, blinkenden Bildern und einem Kampf, den diese formlose Masse führt, mal eine offene Hand, mal verführerische Lippen. Es ist unmöglich, diesen Kurzfilm zu spoilern: Selbst wenn man ihn Schritt für Schritt erzählen wollte, ohne irgendeine unterschwellige Wirkung zu verpassen – die definitionsgemäß in der Lage ist, den Zuschauer zu überzeugen und die Fortsetzung der Show zu lenken -, wäre man nicht in der Lage, eine Vorstellung von den visuellen und nicht-visuellen Reizen und Inputs zu geben. Von der Tastatur bis zum Wort fuck, vom Dior-Zeichen bis zur Adidas-Marke orchestriert Surface Séance eine Symphonie der Erkundung Wiens, die hier auf unkonventionelle Weise und in einem neuen Licht präsentiert wird. Und doch bleibt sie meist im Dunkeln.

Dank der technisch gültigen abstrakten Animation kann man menschliche Körper sehen – ja, wahrnehmen -, die über verschiedene Räume und Oberflächen „verschmiert“ sind, jedoch immer im Wechsel mit dem weißen Wirbel, der sich bildet. Es ist die Panta Rei einer Stadt mit zwei Millionen Einwohner:innen und ebenso vielen täglichen Besucher:innen, die sich aus Bildern, Klängen, Geschwindigkeit und Nuancen zusammensetzt. Der einzige wirkliche, physische Eingriff, den sich dieses Beispiel abstrakter Kinematographie erlaubt, ist eine nächtliche Panoramaaufnahme in einem leeren U-Bahnwagen. Alles, was Surface Séance zeigt, vom Fisch bis zum Skelett, steht in perfekter Harmonie mit dem Soundtrack von Flora Rajakowitsch, der gleichzeitig klingt und kreischt, als würde ein Finger aus einem tropfenden Pinsel das Rohmaterial zum Malen auf Glas ziehen. Wer hat das nicht schon mal mit Kondenswasser auf Autoscheiben gemacht? Genau, dies.

Der in Linz geborene Regisseur Michael Heindl setzt damit seine analytische Auseinandersetzung mit den Widersprüchen und Paradoxien des Menschen – durch die transitive Eigenschaft auch seines Handelns – in Zeiten der Klima- und Kapitalismuskrise wie der Gegenwart fort. Bereits mit dem Innovative Award beim Crossing Europe 2020 und dem Jurypreis beim Vienna Shorts 2021 ausgezeichnet, schafft Heindl mit Surface Séance ein schillerndes lysergisches und elektronisches Fresko, das eine nächtliche Fahrt in der Wiener U-Bahn zu einer veritablen Studie der filmischen Abstraktion erhebt. Vergessen Sie das berühmte Killer-Video aus Ring und die Bilder mit dem Starbucks-Glas aus Fight Club: Hier geht es um alltägliche Schilder, Reklametafeln, öffentliche Verkehrsmittel und darum, wie die Wahrnehmung der Außenwelt durch den Schwarm flüchtig ist und sich verändert. „Blinzle und du verpasst es“, heißt es in der Einleitung des Sixpackfilm-Katalogs. Stimmt genau.

Titel: Surface Séance
Regie: Michael Heindl
Land/Jahr: Österreich / 2023
Laufzeit: 5’
Genre: Experimentalfilm
Buch: Michael Heindl
Kamera: Michael Heindl
Produktion: Michael Heindl

Info: Die Seite von Surface Séance auf der Webseite vom Vienna Shorts; Die Seite von Surface Séance auf der Webseite der sixpackfilm