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DER GLÜCKSSCHNEIDER

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von Hans Otto Löwenstein

Note: 7

Der Glücksschneider ist ein echtes Juwel der österreichischen Filmgeschichte. Ein Kurzfilm, der zwar schätzt, was in der Zwischenzeit im Rest der Welt (und speziell in US-Slapstick-Komödien) realisiert wurde, aber dennoch seinen eigenen Weg sucht.

Ein neues Leben?

„Geld macht nicht glücklich“. Leider sind nur sehr wenige Menschen mit dieser Aussage einverstanden. Aber auch wenn sehr reich zu sein zweifellos zu einem angenehmen Leben führen kann, in dem Luxus und Wohlstand an der Tagesordnung sind, so ist es doch auch wahr, dass plötzlich reich zu werden, wirklich dazu führen kann, dass man durchdreht. Der arme Schramek (gespielt von Rudolf Schildkraut), Protagonist der Komödie Der Glücksschneider, die 1916 von Hans Otto Löwenstein (einem der wichtigsten Pioniere des österreichischen Films) inszeniert wurde, weiß das genau.

Der Glücksschneider ist ein wahres Juwel der österreichischen Filmgeschichte. Wenn man bedenkt, dass die ersten Filme in Österreich erst etwa zehn Jahre zuvor produziert wurden, wird deutlich, wie dieser Kurzfilm zwar auf dem aufbaut, was in der Zwischenzeit im Rest der Welt produziert wurde (insbesondere auf amerikanischen Slapstick-Komödien), aber dennoch seinen eigenen Weg geht und die Sitten (aber auch das manchmal urkomische Lebensgefühl) der Wienerinnen und Wiener darstellt.

Die Geschichte, die in Der Glücksschneider inszeniert wird, ist also, wie bereits erwähnt, die des Schneiders Schramek, der es gewohnt ist, Tag und Nacht in seinem kleinen Laden zu arbeiten, zusammen mit seinem jungen Mitarbeiter (Joseph Schildkraut, Rudolfs eigener Sohn), der sich oft über ihn lustig macht. Schramek hat viele Schulden und ein langjähriges Verhältnis mit der Köchin Amalia (Mizzi Griebl), träumt aber davon, eines Tages sein Leben ändern zu können. Sein Traum scheint endlich in Erfüllung zu gehen, als er im Lotto gewinnt. Damit kann er alle seine Schulden abbezahlen. So verlässt Schramek seinen Laden und beginnt eine Beziehung mit der jungen Mela (Mela Schwarz), die jedoch bereits mit Alfred verlobt ist. Zu welchen Problemen wird das führen? Wie lange wird dieses neue Leben voller Pferderennen und Theaterabende andauern?

Der Regieansatz von Hans Otto Löwenstein in Der Glücksschneider ist insgesamt einfach und rudimentär: Eine Reihe von starren Kameraeinstellungen, ohne jegliche Kamerabewegung, zeigt uns immer wieder die Abenteuer und Missgeschicke unseres Schramek. Keine Großaufnahmen, keine Details. Doch in ihrer Einfachheit repräsentieren die Bilder gut den Kontrast zwischen der Kleinheit des Ladens des Protagonisten und dem Glanz der großbürgerlichen Welt. Auch die Gewohnheiten der Wienerinnen und Wiener werden mit Sorgfalt und Humor beschrieben, aber auch mit liebevollem Blick beobachtet. So wie wenn wir Schramek mit seiner Amalia zum Heurigen gehen sehen.

Der Glücksschneider ist also ein insgesamt guter, wenn auch zu einfacher Film. Interessant ist in diesem Zusammenhang aber noch eine weitere Frage: Warum wird trotz der Tatsache, dass der Film 1916, also genau während des Ersten Weltkriegs, gedreht wurde, der Krieg selbst nie erwähnt? Ganz einfach: Nach genauen Vorgaben musste das Bild eines Österreichs, in dem Wohlstand an der Tagesordnung war, ohnehin in die Welt vermittelt werden. Und auch aus diesem Grund ist dieser kleine Film aus historischer Sicht interessant. Ein Bild einer illusorisch glücklichen Zeit, von der aber heute viele Details bekannt sind.

Titel: Der Glücksschneider
Regie: Hans Otto Löwenstein
Land/Jahr: Österreich / 1916
Laufzeit: 32’
Genre: Filmkomödie
Cast: Josef Schildkraut, Mizzi Griebl, Mela Schwarz, Rudolf Schildkraut
Buch: Felix Salten
Kamera: Hans Otto Löwenstein
Produktion: Philipp und Preßburger Film

Info: Die Seite von Der Glücksschneider auf iMDb; Die Seite von Der Glücksschneider auf stummfilm.at