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DIE PORZELLANGASSEN-BUBEN

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von Lukas Sturm, Andrea Zsutty und Helfried Carl

Note: 8

Die Porzellangassen-Buben wirkt wie ein ideales Wiedersehen, ein Treffen alter Freunde, die zufällig erst in ihren Achtzigern zu solchen wurden, nachdem sie ihr Leben in New York und Palästina verbracht hatten. Gezeigt auf der dem Produzenten Eric Pleskow gewidmeten Veranstaltung anlässlich seines 100. Geburtstages.

Sich zu Hause treffen

Das Hauptereignis des Abends, der Eric Pleskows 100. Geburtstag gewidmet war, war neben dem Oscar, der seit einer Woche in der Johannesgasse 4 in Wien zu sehen ist, die Projektion des Dokumentarfilms Die Porzellangassen-Buben, aus dem Jahr 2012, in dessen Mittelpunkt ein sehr angenehmes Gespräch zwischen Pleskow selbst und dem ebenfalls gebürtigen Wiener Arnold „Ari“ Rath, Journalist und Redakteur bei der Jerusalem Post, stand.

Nachdem sie sich 2009, also relativ spät, zum ersten Mal kennengelernt hatten, entdeckten die beiden viele Gemeinsamkeiten, vor allem ihre Wohnadresse, die Porzellangasse des Titels, im neunten Bezirk. Pleskow wuchs nämlich auf Hausnummer 56 auf, Rath drei Gebäude weiter auf Hausnummer 50, und beide verbrachten ihre Tage unter anderem beim Spielen im Lichtensteinpark, der nur einen Steinwurf von ihren Wohnungen entfernt ist. Und dies, ohne sich je kennengelernt zu haben, sondern nur mehrmals unbewusst aneinander vorbeigelaufen zu sein.

Die Porzellangassen-Buben wirkt deshalb wie ein ideales Wiedersehen, ein Treffen von alten Freunden, die zufällig erst in ihren Achtzigern zu solchen wurden, nach einem Leben in New York und Palästina. Der von Neuland Film produzierte und von Lukas Sturm unter Mitwirkung von Andrea Zsutty und Helfried Carl gedrehte Dokumentarfilm stellt einer knappen Stunde Filmmaterial nicht weniger als fünf Stunden Dialoge gegenüber, in denen die beiden Exilanten freundschaftlich plaudern und sich in Erinnerungen ergehen, die mal alltäglich wie jene an das Fliegerkino (um beim Thema zu bleiben), mal unangenehm sind wie der Moment ihrer Flucht in zwei entgegengesetzte Richtungen, als Juden und damit den Nürnberger Gesetzen unterworfen.

Der 1924 geborene Eric Pleskow, der nach einem Aufenthalt in Frankreich in New York gelandet ist, wurde zu einem der wichtigsten Produzenten Hollywoods, praktisch ein Selfmademan. Dasselbe gilt für den 1925 geborenen Ari Rath, der nach Palästina floh und ein weltberühmter Journalist sowie Chefredakteur und Kolumnist der Jerusalem Post wurde, obwohl er kein englischer Muttersprachler ist: Ebenfalls ein Selfmademan. Trotz ihrer Unterschiede hat man in Die Porzellangassen-Buben das Gefühl, Zeuge der historischen Begegnung zu sein, die sie 2009 zufällig in Wien zum ersten Mal zusammenführte.

Im Bruno-Kreisky-Forum, dem Drehort von 2012, halten sich Pleskow und Rath an den Händen und begeben sich gemeinsam auf eine Reise in ihre Welten. Sie reden, fragen sich gegenseitig und überlegen, warum Wien und Österreich im Allgemeinen für beide von einer Heimat zu einem Geburtsort geworden sind. „Ich habe das Ende gesagt, der Diskurs zwischen Österreich und mir ist geschlossen“, argumentiert Pleskow bitter, „mein Bruder und ich sprechen immer noch Hebräisch und nicht Deutsch“, antwortet Rath sofort. Die Absurdität, mit der die nationalsozialistischen Narren ihre Geschichten verfasst haben, ist in diesem Gespräch perfekt auf den Punkt gebracht.

Was mich an Die Porzellangassen-Buben am meisten fasziniert hat, ist die natürliche Harmonie und Chemie zwischen den beiden. Wenn man weiß, dass sie sich mehrmals getroffen haben – sie waren Mitglieder desselben Tennisclubs -, ohne sich je kennengelernt zu haben, und wenn man sieht, wie sie sich gegenseitig so sehr interessieren, mit wirklich intensiven Fragen und Momenten des aktiven Zuhörens, muss man nachdenken. Freundlich zu reden, zu lachen, Politik zu machen, ohne ihren sehr witzigen und scharfen Humor zu verlieren, vielleicht auch wegen all dem, was wir schon wissen, hatte ich den Eindruck, zwei Großväter zu beobachten, die sich schon seit langem kennen. Oder dass sie in der Porzellangasse zwischen 1924 und 1938 anstelle der Rassengesetze Intelligenz, Talent, kritischen Sinn, Sicherheit und Lebensfreude vermittelten. Ich wähle lieber diese Perspektive.

Titel: Die Porzellangassen-Buben
Regie: Lukas Sturm, Andrea Zsutty, Helfried Carl
Land/Jahr: Österreich / 2012
Laufzeit: 52’
Genre: Dokumentarfilm
Buch: Lukas Sturm
Kamera: Lukas Sturm
Produktion: Neuland Film

Info: Die Seite von Die Porzellangassen-Buben auf film.at; Die Seite der Veranstaltung Ein Oscar für das Metro auf der Webseite vom Filmarchiv Austria