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DIE GUTEN JAHRE

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von Reiner Riedler

Note: 7

In Die guten Jahre sehen wir, wie die ständige Suche nach Frieden und Gelassenheit nach schwierigen Zeiten fast eine Co-Hauptrolle spielt, zusammen mit einer besonderen, zärtlichen Mutter-Sohn-Beziehung. Auf der Diagonale 2024.

Wieder zu Hause

Nach einer schwierigen Zeit und unter unangenehmen Umständen die eigene Kindheit wiederfinden. Wie kann man das Beste aus einer völlig unerwarteten Situation machen? Der Fotograf Michael Appelt lebte viele Jahre in Wien, doch als bei seiner Mutter Christine Demenz im Frühstadium diagnostiziert wurde, war er gezwungen, in sein Heimatdorf zurückzukehren, um die ältere Dame zu pflegen. Diese neue Herausforderung hat der Regisseur Reiner Riedler in Die guten Jahre, der im Rahmen der Diagonale 2024 uraufgeführt wurde, detailgetreu dokumentiert.

Die guten Jahre ist also ein zärtlicher und aufrichtiger Dokumentarfilm, in dem neben einem ruhigen und kontemplativen Tempo auch schmerzhafte Traumata und Wunden aus der Vergangenheit genau beobachtet und analysiert werden, um endlich das eigene Gleichgewicht finden zu können. Und vielleicht kann das Leben in einem kleinen Dorf, mit seinem deutlich weniger hektischen Rhythmus als in einer Großstadt, dabei eine große Hilfe sein.

Michael ist ein etablierter Fotograf, obwohl seine Mutter Christine anfangs nie gedacht hätte, dass er mit dem Fotografieren von Menschen erfolgreich sein könnte (wie sie auch ihren Freundinnen erzählt). Im Keller lagern bunte Bilder aus glücklichen Zeiten und von Menschen, die im Leben der beiden Protagonist:innen auf die eine oder andere Weise eine besonders wichtige Rolle gespielt haben, die Michael von Zeit zu Zeit aufmerksam beobachtet. Vielleicht wäre die Organisation einer neuen Ausstellung eine interessante Unterhaltung, aber auch eine wichtige Gelegenheit, neue Projekte zu entwickeln.

Michael und Christine haben eine sehr enge Beziehung. Christine fällt dem Zuschauer sofort durch ihre Vitalität und ihren Witz auf, obwohl sie von Zeit zu Zeit bereits erste Anzeichen von Demenz zeigt. Für ihren Sohn Michael ist es wichtig, dass sie täglich trainiert, aber sie scheint diesbezüglich sehr skeptisch zu sein. Gleichzeitig werden in Die guten Jahre immer wieder alte Familienfilme gezeigt, in denen wir die gesamte Familie Appelt im Urlaub, Michael und seine Schwester noch als Kinder und Christine glücklich mit ihrem Mann sehen können.

Reiner Riedlers Kamera hat sich oft darauf beschränkt, solche Alltagsszenen still zu beobachten, die Bilder und die Protagonist:innen einfach für sich sprechen zu lassen, und hat uns dabei auch Momente purer Poesie geschenkt, etwa wenn wir Michael und seine Mutter an einem heißen Sommernachmittag am See sehen. Es ist schön, sich am Abend im Garten zu entspannen. „In Wien, in einer Wohnung ohne Balkon, ist das nicht möglich“. Und in der Tat sehen wir in Die guten Jahre, wie diese ständige Suche nach Ruhe und Gelassenheit nach schwierigen Zeiten mit einer besonderen, zärtlichen Mutter-Sohn-Beziehung einhergeht. Wenn man abends um das Haus schlendert, kann man auch einen Blick in die Gärten der Nachbar:innen werfen, um zu sehen, ob sich dort etwas Besonderes abspielt. Ein Tag ist zu Ende gegangen. Der morgige Tag wird ein neues Abenteuer bringen.

Titel: Die guten Jahre
Regie: Reiner Riedler
Land/Jahr: Österreich / 2024
Laufzeit: 94’
Genre: Dokumentarfilm
Buch: Katja Schröckenstein, Reiner Riedler
Kamera: Reiner Riedler
Produktion: Reiner Riedler Filmproduktion

Info: Die Seite von Die guten Jahre auf der Webseite der Diagonale