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PANDORAS VERMÄCHTNIS

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von Angela Christlieb

Note: 7.5

Mit einem Regieansatz, der einfach und komplex zugleich ist und in dem es nicht an stark poetischen und kontemplativen Momenten mangelt, erweist sich Pandoras Vermächtnis als ein äußerst reifer und aufrichtiger Dokumentarfilm. Eine spannende Reise zwischen Vergangenheit und Gegenwart, bei der die Vergangenheit selbst auf der Kinoleinwand lebendiger und pulsierender denn je erscheint. Auf der Diagonale 2024.

Ihr Name war Gertrude Hennings…

„Hinter jedem erfolgreichen Mann steht immer eine starke Frau“. Dieser Satz scheint auf unzählige Situationen zu passen. Und genau von diesem Begriff handelt der Dokumentarfilm Pandoras Vermächtnis, der von Angela Christlieb inszeniert und als Österreichpremiere im Rahmen der Diagonale 2024 präsentiert wurde. In Pandoras Vermächtnis erfahren wir mehr über einen der bedeutendsten Regisseure der Weimarer Republik (und der Filmgeschichte im Allgemeinen) aus der Sicht eines Menschen, der sein ganzes Leben lang an seiner Seite lebte: Georg Wilhelm Pabst.

Georg Wilhelm Pabst war also mehr als vierzig Jahre lang und bis zu seinem Tod mit Gertrude Hennings verheiratet, die im Laufe der Jahre zahlreiche Tagebücher schrieb, in denen sie über ihr Leben, ihren Mann und ihre besondere Beziehung zu ihm berichtete. Aus diesen Tagebüchern entstand also Pandoras Vermächtnis, der uns – auch dank der Aussagen von Pabsts Enkel:innen – auf eine lange und spannende Reise mitnimmt, die viel aktueller ist, als sie zunächst scheint.

Die Seiten der Tagebücher von Trude Pabst werden nacheinander durchgeblättert. Vergangenheit und Gegenwart treffen sich an den Orten, an denen die beiden Protagonist:innen gelebt haben. Wertvolle Zeugnisse helfen uns, nicht nur einen der größten Regisseure der Filmgeschichte besser kennenzulernen, sondern auch einen autoritären Mann, dessen Präsenz fast schon einschüchternd wirkte. Das zeigen auch einige alte Schwarz-Weiß-Fotos, auf denen der Regisseur glücklich mit seinen Enkelkindern zu sehen ist.

Zwischen Georg Wilhelm Pabst und seiner Frau Trude war es Liebe auf den ersten Blick. Doch trotz ihrer Vielseitigkeit gelang es ihr nie, eine Karriere als Schauspielerin zu machen. „Du bist nicht fotogen genug“, sagte ihr Mann zu ihr. Die Fotos, die im Haus der beiden hängen, zeugen jedoch von etwas ganz anderem. Und so landet Pandoras Vermächtnis, das (fast) ausschließlich aus der Sicht einer Frau das Ganze zeigt, unweigerlich bei heiklen und hochaktuellen Themen wie dem Patriarchat und der Freiheit, sich frei äußern zu dürfen (besonders interessant ist in diesem Zusammenhang der Diskurs über die Schwierigkeiten, mit denen sich der Regisseur im nationalsozialistischen Deutschland während des Zweiten Weltkriegs auseinandersetzen musste).

Trude Pabst war immer eine starke Frau. Das zeigt sich nicht nur in ihren Worten und ihrer Fähigkeit, Ereignisse zu analysieren, sondern auch in den Aussagen ihrer eigenen Enkelkinder. Ihre Beziehung zu Georg Wilhelm Pabst geht Hand in Hand mit einigen Szenen, die direkt aus den Filmen des Regisseurs stammen. Und während uns Greta Garbo oder Louise Brooks (deren Fotos kürzlich sogar neben denen von Trude im Haus des Regisseurs gehängt wurden) als unerreichbare Musen erscheinen, können wir gleichzeitig einige der wichtigsten Meilensteine der Filmgeschichte nacherleben. Mit einem ebenso einfachen wie komplexen Regieansatz, in dem es an stark poetischen und kontemplativen Momenten nicht mangelt, erweist sich Pandoras Vermächtnis somit als äußerst reifer und aufrichtiger Dokumentarfilm. Eine spannende Reise zwischen Vergangenheit und Gegenwart, bei der die Vergangenheit selbst auf der Kinoleinwand lebendiger und pulsierender denn je erscheint.

Titel: Pandoras Vermächtnis
Regie: Angela Christlieb
Land/Jahr: Österreich / 2023
Laufzeit: 87’
Genre: Dokumentarfilm
Buch: Angela Christlieb
Kamera: Max Berner
Produktion: Amour Fou Vienna

Info: Die Seite von Pandoras Vermächtnis auf iMDb; Die Seite von Pandoras Vermächtnis auf der Webseite der Diagonale; Die Seite von Pandoras Vermächtnis auf der Webseite der Amour Fou Film