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NIGHT OF THE COYOTES

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von Clara Trischler

Note: 7.5

In Night of the Coyotes gelang es Clara Trischler besonders gut, nicht nur eine, sondern viele Geschichten in einer Realität zu erzählen, in der Vergangenheit und Gegenwart jeden Tag nebeneinander existieren und in der sich hinter einer ruhigen Gelassenheit eine tiefe Melancholie verbirgt. Auf der Diagonale 2024.

Ungewöhnliche Traditionen

Es ist spät nachts und kalt. Einige Männer gehen vorsichtig umher und versuchen, von niemandem bemerkt zu werden. Sie werden von zwielichtigen Personen zu einem unbekannten Ziel begleitet. Wohin werden sie gehen? Die Atmosphäre vermittelt sofort eine starke Spannung, alles deutet auf etwas Schreckliches hin. So beginnt der Dokumentarfilm Night of the Coyotes, der unter der Regie von Clara Trischler bei der Diagonale 2024 in Österreich uraufgeführt wurde und dort den Preis für die beste Filmkomposition in einem Dokumentarfilm gewann.

Der Anfang von Night of the Coyotes erinnert daher sehr an einen Thriller. Warum diese besondere Wahl? Ganz einfach: Was Clara Trischler in diesem interessanten Dokumentarfilm erzählen wollte, ist eine bizarre Tradition in der kleinen Stadt El Alberto in Mexiko, etwa 1000 Kilometer von der amerikanischen Grenze entfernt. Hier findet die so genannte „Caminata Nocturna“ statt, heute eine Touristenattraktion, bei der eine versuchte heimliche Einreise ins Nachbarland simuliert wird. Jede:r der Teilnehmer:innen wird auf dieser Reise von so genannten Coyotes begleitet, die ihnen beim Grenzübertritt helfen sollen. An (simulierten) Gewaltszenen mangelt es dabei nicht, auch nicht an Spannung. Und so ist diese „Caminata Nocturna“ im Laufe der Jahre langsam berühmt geworden. Aber was ist ihr eigentlicher Zweck? Einfache Inszenierung oder eine Aufforderung zum Bleiben?

In Night of the Coyotes erzählt Clara Trischler daher zunächst drei Geschichten von drei Menschen, die in El Alberto leben und die auf die eine oder andere Weise entschlossen scheinen, für immer dort zu bleiben, im Gegensatz zu vielen ihrer Mitbürger:innen und Familienmitglieder, die es vorgezogen haben, in die Vereinigten Staaten zu ziehen. Eine Frau lebt seit vielen Jahren dort, während ihre Tochter schon vor einiger Zeit weggezogen ist und sich wünscht, dass sie zu ihr kommt. Die Frau scheint jedoch nicht bereit zu sein, ihre Stadt und ihr Land zu verlassen. Ein junges Mädchen hingegen scheint von einem möglichen neuen Leben fasziniert zu sein und würde gerne zu ihrer Mutter ziehen, die bereits dort ist und aufgrund der geltenden Gesetze nicht nach Hause zurückkehren kann. Ein Mann schließlich, der schon lange aus den Vereinigten Staaten ausgewiesen wurde, arbeitet jetzt als Grenzschutzbeamter und ist einer der Hauptorganisatoren der „Caminata Nocturna“.

El Alberto ist eine kleine Stadt, in der das Leben scheinbar friedlich verläuft. Doch viele litten und leiden noch immer unter der Abwesenheit ihrer Angehörigen, die nun weit weg sind und nicht zurückkehren können oder sogar auf dem Weg in die Vereinigten Staaten gestorben sind. Davon zeugen auch die vielen leeren Häuser, die wahrscheinlich für immer leer bleiben werden. Was wäre, wenn das Glück in Wirklichkeit viel näher ist, als wir denken? In Night of the Coyotes will uns die Regisseurin genau diese ambivalenten Gefühle zeigen, die viele ihrer Protagonist:innen erleben. Ein einfacher und kontemplativer Regieansatz, der die Charaktere oft vor der Kamera sprechen lässt, während sie ihren alltäglichen Aktivitäten nachgehen, kontrastiert gut mit spannungsgeladenen Szenen, die fast an einen Spielfilm erinnern.

Clara Trischler, die sich schon immer für die Geschichten derjenigen interessiert hat, die in Grenzgebieten leben, aber gleichzeitig daran gehindert werden, diese Grenzen zu überschreiten (man denke nur an den schönen Dokumentarfilm Das erste Meer), hat auch in Night of the Coyotes nicht nur eine, sondern viele Geschichten innerhalb einer Realität erzählt, in der Vergangenheit und Gegenwart (fast immer) harmonisch nebeneinander existieren, in der eine ruhige Gelassenheit eine tiefere Melancholie gut verbirgt, in der es in Wirklichkeit nichts anderes braucht, um endlich glücklich zu sein.

Titel: Night of the Coyotes
Regie: Clara Trischler
Land/Jahr: Österreich, Deutschland / 2024
Laufzeit: 79’
Genre: Dokumentarfilm
Buch: Clara Trischler
Kamera: Miriam Ortiz Guzmán
Produktion: Horses & Fruits

Info: Die Seite von Night of the Coyotes auf der Webseite der Diagonale