one-forty-1980-einsvierzig-ulrich-seidl-recensione-review-kritik

EINSVIERZIG

      Kommentare deaktiviert für EINSVIERZIG

This post is also available in: Italiano (Italienisch) English (Englisch)

von Ulrich Seidl

Note: 7.5

Einsvierzig zielt direkt auf das Wesentliche und führt durch die Erzählung über das Leben von Karl Wallner zu einem viel breiteren und komplexeren Diskurs. All dies, wie wir uns gut vorstellen können, mit dem charakteristischen Ansatz von Ulrich Seidl.

Ein normales Leben

1980 versuchte der junge Filmstudent Ulrich Seidl – damals an der Filmakademie Wien studierend – zum ersten Mal, mit der Kamera die Welt, in der wir leben, zu erzählen, wobei er sie mit einem äußerst kritischen, aber gleichzeitig auch amüsierten Blick beobachtete. Konnte ein Filmemacher wie er also trotz seiner mangelnden Erfahrung hinter der Kamera bei seinem ersten Dokumentarfilm nicht auffallen? Ganz und gar nicht. Und in der Tat, kaum war der Kurzdokumentarfilm Einsvierzig gedreht, gab es nach seiner Veröffentlichung eine große Kontroverse. Was könnte unser Autor mit seinem Erstlingswerk gemacht haben? Bald erzählt.

Mit einem sehr einfachen und direkten Regieansatz stellt uns Ulrich Seidl den sympathischen Karl Wallner vor, der nur 1,40 m groß ist und trotz seiner Behinderung ein „normales“ Leben führt. Karl lebte lange Zeit bei seiner Mutter, bis er beschloss, allein auszuziehen. Er hat einen Job, Freunde, spielt Klavier und wird von allen geliebt und respektiert.

Seidls Kamera wird sofort auf der Höhe ihres Protagonisten platziert. Ein einfaches und natürliches Schwarz-Weiß passt gut zu einem Ansatz ohne Virtuosität. Einsvierzig zielt direkt auf das Wesentliche und führt, indem er uns das Leben von Karl Wallner erzählt, zu einem viel breiteren und komplexeren Diskurs über Behinderung und speziell über die Bedingungen, unter denen Menschen mit Zwergenwuchs wie unser Protagonist leben. Und dies, wie man sich vorstellen kann, mit dem charakteristischen Ansatz von Ulrich Seidl.

Und in der Tat, auch beim Anschauen von Einsvierzig überlegt man, aber gleichzeitig lacht man auch. Karl ist der erste, der lacht, schon in der ersten Szene, nachdem er ein Gedicht aufgesagt hat. Man lacht, wenn man die verschiedenen Figuren sieht, wie sie der Kamera von ihrer Beziehung zu Karl erzählen. Man lacht auch – und vor allem – wenn der Protagonist eine alte Dame fragt, was sie denkt, wenn sie zufällig einem Zwerg auf der Straße begegnet und die Frau, so natürlich wie möglich, antwortet: „Ich denke gar nichts, es handelt sich um ein Mensch. Und dann habe ich auch mehrere Gartenzwerge, ich mag Zwerge“. Und hier offenbart sich Ulrich Seidl endlich der Welt und kündigt an, was sein legendäres Kino werden sollte.

Er, der Regisseur, hat keine Angst vor möglicher Kritik. Und zweifelsohne ist Einsvierzig ein Dokumentarfilm, über den viel geredet wurde, vor allem im Hinblick auf die bereits erwähnte Ironie, die für manche ausgesprochen unpassend war. Doch bei genauerem Hinsehen erkennt man, wie mutig Ulrich Seidl war, uns Karls Geschichte ohne den mitleidigen (und manchmal sogar heuchlerischen) Blick zu erzählen, der bei der Behandlung solcher Geschichten üblich ist. Und indem er den Protagonisten als einen ordinären Menschen behandelte, über den man sich lustig machen kann und der vor allem immer zur Selbstironie bereit ist, bewies der Wiener Regisseur sofort große Intelligenz und eine scharfe Beobachtungsgabe für die Gesellschaft, in der wir leben. Was danach kam, ist heute bekannt.

Titel: Einsvierzig
Regie: Ulrich Seidl
Land/Jahr: Österreich / 1980
Laufzeit: 16’
Genre: Dokumentarfilm
Buch: Ulrich Seidl
Kamera: Paul Choung
Produktion: Filmakademie Wien

Info: Die Seite von Einsvierzig auf iMDb; Die Seite von Einsvierzig auf der Webseite der Ulrich Seidl Filmproduktion