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STELLA. EIN LEBEN.

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von Kilian Riedhof

Note: 7.5

In Stella. Ein Leben. entfaltet sich die scheinbar einfache, aber ereignisreiche Handlung, die das Leben eines der vielen Menschen, die Juden denunziert haben, durch 40 Jahre persönlicher, aber auch deutscher Geschichte.

Moralische Dilemmas

Was hättet ihr getan? Stella. Ein Leben. von Kilian Riedhof ist eine Geschichte, die die Grenzen von Ethik und Moral, die im Dritten Reich auf eine harte Probe gestellt wurden, in Frage stellt. Die Geschichte von Stella Goldschlag, einer Jüdin, die, um sich und ihre Familie zu retten, beschließt, Hunderte von Jud:innen bei der Gestapo zu denunzieren, wird mit einem besonderen Touch erzählt, so realitätsnah wie möglich, authentisch und mit einem großartigen Licht- und Atmosphärenspiel, das in der Lage ist, die unterschiedlichen Seelen, die eine Situation „in Gegenbewegung“ bevölkerten, am besten darzustellen.

Die wahre Geschichte von Stella Goldschlag (Paula Beer, perfekt in der Rolle), einer deutschen Jüdin, die während der nationalsozialistischen Diktatur aufgewachsen ist, ist eine von vielen, die man im Laufe der Jahre gelesen und gehört hat. Die junge und lebensfrohe Protagonistin von Stella. Ein Leben. träumt von einer Zukunft als Jazzsängerin, einem Genre, das zu jener Zeit im Aufwind, aber für den traditionalistischen und konservativen Nationalsozialismus noch zu amerikanisch war. Die Anwesenheit eines Hollywood-Impresarios bei einer Veranstaltung scheint jedoch eine erfolgreiche Zukunft für die Sängerin und ihre jüdischen Kollegen, allesamt hervorragende Musiker, zu versprechen.

Es ist 1943 und in Berlin gibt es für Jud:innen nur eine Möglichkeit: Weglaufen und sich verstecken. So beginnt eine scheinbar ewige Phase, in der Stella und ihre Eltern Toni (Katja Riemann) und Gerd (Lukas Miko) gezwungen sind, ihre Pläne ständig zu ändern, bis zur unvermeidlichen Verhaftung durch die Gestapo, die immer ein offenes Ohr für mögliche Informanten hat. Um sich vor der Deportation zu retten, beginnt auch Stella zusammen mit ihrem Verlobten und zukünftigen Ehemann Rolf (Jannis Niewöhner) andere Jud:innen zu verraten, so dass diese von der Gestapo verhaftet werden. Das Schicksal scheint geschrieben. Und so war es tatsächlich.

In den zwei Stunden von Stella. Ein Leben. entfaltet sich die scheinbar einfache, aber ereignisreiche Handlung, nämlich das Leben eines der vielen Menschen, die Jud:innen verraten haben, einer Verräterin auf vielen Ebenen, durch 40 Jahre persönliche, aber auch deutsche Geschichte, zunächst im Dritten Reich und dann geteilt in Ost und West. Von Riedhof selbst geschrieben, zusammen mit Jan Baren und Marc Blöbaum, ist die Recherche- und Drehbucharbeit, die beim Anschauen des Films deutlich wird, von großer Bedeutung und historischer Genauigkeit. Um nicht einen der vielen Filme zu machen, die nur die Absicht haben, Historienfilm zu sein, finde ich die Entscheidung interessant, bei der Erzählung einer Figur, die zunächst unschuldig ist und dann bösartig wird (und die damit auch zufrieden zu sein scheint), nicht zu urteilen, sondern sich für die Objektivität der Fakten, egal wie schlimm und moralisch inakzeptbel sie sind, zu entscheiden.

Wer würde so etwas tun? Und doch. Gerade um das Paradoxon „sich selbst retten, indem man andere verrät“ – oder sogar den Krieg im Allgemeinen – zu betonen, tanzen Stella, Rolf und der Schlagzeuger der Jazzband in einer menschenleeren Wohnung, während draußen Bomben und Raketen explodieren, die die Nacht mit einem rauchigen, drohenden Licht erhellen, das durch das Oberlicht sichtbar ist. Hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang die großartige Arbeit des Kameramanns Benedikt Neuenfels, der durch den häufigen Einsatz von kaltem blauem und warmem rotem Licht in einer Art „Wasser gegen Feuer“ in der Zeit des Nationalsozialismus gegensätzliche Welten zu schaffen vermag und Stella. Ein Leben. jenen Noir-Charakter, der Spionage und Wahn perfekt passt, verleiht.

Eine besondere Erwähnung verdienen die glitzernden Stecknadeln, die zusammen mit einigen weichen Lichtern und vielen (vor allem moralischen) Schatten verwendet werden, vielleicht Symbole einer pulsierenden Seele, die in der Lage ist, die Dunkelheit, die die Zeit des Dritten Reichs immer repräsentiert hat, zumindest teilweise zu erhellen. Eine leicht technische Schlussbemerkung: Die abwechslungsreiche Regie und der Schnitt von kurzen und schnell aufeinanderfolgenden Szenen sind hervorragend, da sie in der Lage sind, intensive Nahaufnahmen und schnelle Szenenwechsel – die George Millers Mad Max: Fury Road erinnern – mit der gleichen Anzahl von unscharfen Überblendungen zu kombinieren, die alles verbinden und dem Endergebnis eine historische und didaktische Note verleihen, was eine große Synergie zwischen Drehbuch, Film und Produktion zeigt. Arm in Arm, wie man so schön sagt.

Titel: Stella. Ein Leben.
Regie: Kilian Riedhof
Land/Jahr: Deutschland, Österreich / 2023
Laufzeit: 121’
Genre: Drama, Kriegsfilm
Cast: Paula Beer, Jannis Niewöhner, Katja Riemann, Joel Basman, Damian Hardung, Lukas Miko, Bekim Latifi, Maeve Metelka, Nadja Sabersky, Julia Anna Grob, Alexander Martschewski, Vincent Koch, Konstantin Gries, Joshua Seelenbinder, Max Schimmelpfennig, Mortiz Führmann, Katja Bürkle, Max Wagner, Heike Jonca, Steffen Münster, Markus Schleinzer, Gerdy Zint, Mathis Reinhardt, Nikolai Will, Ulrich Schmissat, Hendrik Arnst, Roland Silbernagl, Christoph Luser, Max Krause, Rony Herman, Ruth Marie Kröger
Buch: Marc Blöbaum, Jan Braren, Kilian Riedhof
Kamera: Benedict Neuenfels
Produktion: Dor Film, Letterbox Filmproduktion, SevenPictures Film, Real Film Berlin, Amalia Film

Info: Die Seite von Stella. Ein Leben. auf iMDb; Die Seite von Stella. Ein Leben. auf der Webseite der Dor Film; Die Seite von Stella. Ein Leben. auf der Webseite des Österreichischen Filminstituts