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LIVING IN A BOX

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von Jörg Kalt

Note: 7

Regisseur Jörg Kalt hört den Protagonist:innen aufmerksam zu, ohne je zu urteilen, sondern wird sofort zu ihrem wertvollen Vertrauten. Sein Living in a Box erzählt von jedem einzelnen von ihnen, von den vielen Gleichgewichten innerhalb winziger Räume, die sich wiederum oft als kleine Paradiese erweisen können.

Viele Geschichten in New York

Was ist Freiheit? Was bedeutet es wirklich, frei zu sein? Und vor allem, was muss man aufgeben, um endlich wirklich frei zu sein? Paradoxerweise kann man Freiheit manchmal sogar in einem kleinen Hotelzimmer finden, wo zwanzig oder mehr Quadratmeter wirklich ausreichen. Martin, Thomas, Irving und Mary, die Protagonist:innen des Dokumentarfilms Living in a Box, bei dem der verstorbene Jörg Kalt im Jahr 2000 Regie führte, wissen davon, und scheinen endlich ihr Gleichgewicht in einer sehr singulären Realität gefunden zu haben.

Im kosmopolitischen New York City gibt es ein kleines Hotel, das Hotel 17, in dem einige Menschen beschlossen haben, für immer zu bleiben und zu leben. Martin, Thomas, Irving und Mary sind einige von ihnen, und während sie vor der Kamera von Jörg Kalt von ihrer Vergangenheit und Gegenwart erzählen, scheinen sie mit ihrer Entscheidung ganz zufrieden zu sein.

In diesem Sinne setzt Living in a Box in erster Linie auf einen direkten Regieansatz. Nur wenige, sporadische Kameraeinstellungen zeigen uns das Hotel von außen. Es wirkt fast wie ein gespenstisches Gebäude, Hüter der undenkbarsten Geheimnisse. Jörg Kalt vermeidet gekonnt jede Virtuosität und jeden „Spezialeffekt“, aber indem er mit dem Reiz der erzählten Geschichten und mit der Atmosphäre und den Gefühlen, die ein solcher Ort hervorrufen kann, spielt, verleiht er diesem wertvollen kleinen Dokumentarfilm einen feinen Noir-Charakter.

In Living in a Box lassen die leeren Flure des Hotel 17 fast an die Flure in Stanley Kubricks Kultfilm Shining (1980) denken. Doch da sie besonders dunkel und eng sind, lassen sie auch an viele expressionistische Filme denken. Durch Überlagerungen, als transparente Figuren, die fast Teil einer parallelen Dimension zu sein scheinen, gehen einige Menschen durch diese Flure oder steigen die Hoteltreppen hinauf oder hinunter. Niemand scheint solchen Details Bedeutung beizumessen, und doch stehen sie für den Lauf der Zeit, für die Geschichte eines Ortes, der seinerseits viele, viele andere Geschichten erlebt hat. Geschichten von Menschen, die auf der Durchreise waren oder die, wie unsere Protagonist:innen, beschlossen, ihr ganzes Leben in diesen kleinen Zimmern zu verbringen, glücklich darüber, endlich auf jegliches materielles Gut verzichtet zu haben.

Nicht alle Protagonist:innen von Living in a Box erzählen ihre Geschichten gerne vor der Kamera. Es gibt auch diejenigen, die nicht gefilmt werden wollen und es vorziehen, dass die Zuschauer:innen nur ihre Stimme hören können. Und wiederum gibt es diejenigen, die trotz einer großen Familie glücklich sind, ihr Leben frei zu leben, aber auch diejenigen, die keine andere Wahl haben, weil sie praktisch allein in der Welt sind. Jörg Kalt hört jedem der Protagonist:innen aufmerksam zu, ohne je zu urteilen, sondern wird sofort zu ihrem wertvollen Vertrauten. Sein Living in a Box erzählt von jedem von ihnen, von den vielen Gleichgewichten in winzigen Räumen, die sich wiederum oft als kleine Paradiese erweisen können.

Titel: Living in a Box
Regie: Jörg Kalt
Land/Jahr: Österreich / 2000
Laufzeit: 28’
Genre: Dokumentarfilm
Buch: Jörg Kalt
Kamera: Eva Testor
Produktion: Jörg Kalt

Info: Die Seite von Living in a Box auf der Webseite der sixpackfilm