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INTERVIEW MIT TIMM KRÖGER

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Anlässlich der Viennale 2023 präsentierte Regisseur Timm Kröger den Spielfilm Die Theorie von Allem, der bereits im Wettbewerb auf den Filmfestspielen von Venedig 2023 gezeigt wurde. Cinema Austriaco hatte die Gelegenheit, mit ihm zu sprechen und mehr über seine Arbeit und seine Karriere zu erfahren. Herausgegeben von Marina Pavido.

Marina Pavido: Wie kam es zur Idee, Die Theorie von Allem zu drehen?

Timm Kröger: Vor neun Jahren habe ich den Film Zerrumpelt Herz gedreht, der auf der Kritikerwoche in Venedig gezeigt wurde. Die Geschichte spielt im Jahr 1929 und handelt von einem Komponisten, der auf mysteriöse Weise in einem sehr deutschen Wald verschwindet. Die Musik spielt hier eine zentrale Rolle und es ist ein Mystery mit dramatischem Charakter. Dann kam die Idee auf, eine Trilogie zu machen, die im 20. Jahrhundert spielt. Bei Die Theorie von Allem sollte aber nicht die Musik im Mittelpunkt stehen, sondern die Physik, und die Geschichte sollte in den Schweizer Alpen spielen.

M. P.: In Deinem Film spielen die Umgebungen eine zentrale Rolle. Wie hast Du diese Orte ausgewählt?

T. K.: Es gibt einige Bezüge zu Der Zauberberg, aber ich dachte auch an Erich Kästners Nachkriegsfilm Drei Männer im Schnee, der eigentlich eine Komödie ist, und an das Kino von Helmut Käutner und, ebenfalls nach amerikanischem Vorbild, Alfred Hitchcock und David Lynch (daher insbesondere die Idee mit dem Hotel, in dem sich die Geschichte teilweise abspielt, und einem dunklen Geheimnis darunter – das dem Ganzen einen „moderneren“ Touch gibt).

M. P.: Könntest Du uns mehr über den Protagonisten erzählen?

T. K.: Er ist ein junger Physiker, Johannes (gespielt von Jan Bülow ), der vielleicht zu alt ist, um als „jung“ bezeichnet zu werden, und der zunächst eine deutsche Variante der amerikanischen Heldenreise zu verfolgen scheint. Johannes hat auch eine Pseudo-Vaterfigur, die immer gegen ihn ist, nämlich seinen Doktorvater, der von seinen Theorien nichts wissen will. Während des Films glauben wir, dass er ein Genie werden kann, aber im Laufe der zwei Stunden beobachten wir, wie ihm das nicht gelingt, nie gelingen wird. Aber wie kommt es, dass dies ihm nicht gelingt? Das ist gewissermaßen der Kern der Geschichte.

M. P.: Auch hier spielt die Musik eine wichtige Rolle. Könntest Du uns mehr darüber erzählen?

T. K.: Ich habe mich immer gefragt, was in einem modernen Film passieren würde, wenn Musik aus den fünfziger oder sechziger Jahren, die voller Anspielungen ist und stark auf Emotionen setzt, eine so wichtige Rolle spielen würde. Genauso interessant finde ich die Beziehung, die zwischen Musik und Bildern und zwischen Film und Publikum entsteht, wenn diese Spannung entsteht, weil man nie weiß, was die Musik jetzt genau von einem einfordert, was sie „von mir will“. Im Grunde gibt es in dieser Musik alles gleichzeitig, dramatische Ironie und auch Empfindsamkeit und großes Pathos. Das Interessante ist, dass der Komponist meines Films (Diego Ramos Rodriguez) ein Komponist für zeitgenössische Musik ist und vorher noch nie Musik für einen Film komponiert hatte.

M. P.: In Deinem Film treffen Traum und Wirklichkeit sowie Vergangenheit und Gegenwart ständig aufeinander. Wie beeinflussen sich diese Elemente gegenseitig?

T. K.: Der Film folgt der eigentlich sehr linearen Geschichte des Protagonisten, also entdecken wir mit ihm – und zusammen mit ihm – Geheimnisse, die auch er zunächst nicht verstehen kann. Bis hierhin sind die Dinge einfach. Dann geht es um die weibliche Protagonistin, Karin (gespielt von Olivia Ross), die mysteriöse Klavierspielerin, die Johannes zu kennen scheint. Vielleicht hat sie ihn in einer anderen Welt oder einer anderen Zeit kennen gelernt. Es gibt – ohne zu viel zu verraten – keine Zeitreisen in der unmittelbaren Geschichte, aber es gibt Figuren, die andere Welten und andere Zeiten kennen. In der Mitte des Films gibt es eine Schlüsselszene, in der Karin Johannes von einem Albtraum erzählt, von dem sie glaubt, dass er ihn gerade hatte. Der Traum ist sehr detailreich und vieles stimmt mit der Realität überein – aber eben nicht alles. In einem wichtigen Detail weicht ihre Erzählung, ihre „Erinnerung“ an seinen Albtraum ab. So wird ihr langsam klar, dass sie es nicht mit demselben Mann zu tun hat, mit dem sie glaubt, es zu tun zu haben. Auf diese Weise spielt der Film indirekt mit dem Konzept des Multiversums – über Träume, Verschiebungen und falsche Erinnerungen.

M. P.: Hattest Du irgendwelche Vorbilder, die für Deine Karriere besonders wichtig gewesen sind?

T. K.: Ich mag das „spirituelle“ Kino von Werner Herzog sehr; diese beinahe dilettantische aber gleichzeitig elegante, träumerische und größenwahnsinnige Art, der Realität Filme abzunötigen. Paul Thomas Anderson ist ein weiterer Favorit. Edgar Reitz. Immer wieder Spielberg, obwohl ich das differenziert sehe.

M. P.: Du hast lange Zeit als Kameramann gearbeitet. Wie hat das Ihre Karriere als Regisseur beeinflusst?

T. K.: Durch meine Arbeit als Kameramann habe ich begonnen, das Filmemachen zu lernen. Das rein Visuelle war eine wichtige Etappe auf dem Weg, vielleicht wie bei Stanley Kubrick, der als Fotograf angefangen hat und mit seiner Art, eine Art puristische Form zu finden, natürlich Vorbild wurde, als ich ein Teenager war. Als Kameramann habe ich zuletzt mit der österreichischen Regisseurin Sandra Wollner zusammengearbeitet, die fantastische und völlig unkonventionelle Filme macht, von denen ich viel gelernt habe. Sandra war auch bei Die Theorie von Allem maßgeblich beteiligt, als dramaturgische Beratung und mein künstlerisches Gewissen am Set. Vielleicht auch, weil ich als eher „visueller“ Regisseur auf einen zweiten Blick, und eine andere Art zu denken angewiesen bin. Einen wesentlichen Beitrag hat natürlich auch mein Drehbuchautor Roderick Warich geleistet – er war sozusagen das Mastermind hinter diesem Film, was den Plot und viele der großen Erzählbewegungen angeht. Auch Roderick ist selber Filmemacher, und es gibt in unserem Freundeskreis – bei allen formalen Unterschieden – gewisse thematische Überschneidungen. Auf jeden Fall handelt es sich bei allen unseren Filmen um eine sehr subjektive Form des Kinos, eine Art ‚Grenzkino‘, das oft komplexe Fragen stellt und komplexere Antworten findet.

M. P.: Eine letzte Frage: Arbeitest Du derzeit an neuen Projekten?

T. K.: Ja, wir machen eine Fortsetzung. Der Film wird im Jahr 1997 spielen und den Titel Das letzte Radio tragen. Am Ende von Die Theorie von Allem informiert uns eine Off-Stimme darüber, dass das Buch, das Johannes geschrieben hat, ein internationales Kultbuch geworden ist. Im nächsten Film erfahren wir, wie sich eine merkwürdige Sekte rund um diesen Kult gebildet hat. Und die Protagonistin wird die Tochter von Johannes sein.

Info: Die Seite von Timm Kröger auf iMDb