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ATEMNOT

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von Käthe Kratz

Note: 6.5

Atemnot ist die Suche nach einer Flucht aus der Realität und die Landung in einem „nicht gelobten“ Land voller Glück. Eine bisweilen langatmige und verzweifelte Kritik am System, die aber den damaligen Zeitgeist gut wiedergibt. Auf der Viennale 2023, im Rahmen der Retrospektive Keine Angst des Filmarchiv Austria.

Zwei Welten, dieselbe Welt

Präsentiert im Rahmen der Viennale 2023 als Teil der Retrospektive Keine Angst des Filmarchivs Austria, die dem österreichischen Film der 1980er Jahre gewidmet ist, ist Atemnot ein glänzendes Beispiel für die Zusammenarbeit zwischen Käthe Kratz (Regie) und Peter Turrini (Drehbuch), die auch im Privatleben lange Zeit ein Paar waren. Entstanden ist eine tiefgründige Gesellschaftskritik, die zu den Klängen des eloquenten Lied leckt’s mi am Oarsch die Geschichte zweier junger Wiener:innen erzählt, die ihren Platz in der Welt nicht finden können, aber dennoch bereit sind, bis zum Ende zu kämpfen.

Im Wien der frühen 1980er Jahre, das von elektronischer Musik und großen – städtischen und gesellschaftlichen – Veränderungen geprägt ist, lernen sich Tina (Henriette Cejpek) und Gerhard (Johannes Silberschneider) kennen und verlieben sich. Und zwar in der psychiatrischen Abteilung der Penzinger Klinik, denn beide haben einen Selbstmordversuch hinter sich. Der Drang zu sterben war bei beiden so stark, dass sie sich nach ihrer Entlassung nie wieder aus den Augen verloren haben. Das Problem liegt offensichtlich gleich daran, dass Tina aus gutem Hause stammt und in einem Nonneninternat Französisch lernt, während Gerhard ein Klempnerlehrling, Sohn der Wiener Arbeiterklasse, ist: Zwei verschiedene Welten – aber, wie wir noch sehen werden, nicht zu verschieden -, die diese Nähe nicht vertragen. Atemnot erzählt so die Geschichte der Suche der beiden Protagonist:innen nach einer Art Gegenwelt, in der ihre Beziehung endlich anerkannt werden kann. Inmitten von Protestkonzerten und polizeilichen Einbrüchen finden Tina und Gerhard die ersehnte Freiheit inmitten einer Gruppe von Hausbesetzern, die gegen das System kämpfen. Mit dramatischen Folgen.

Die Überlegungen, die sich aus dem Anschauen von Atemnot, einem Film aus dem Jahr 1984, der praktisch nicht mehr auffindbar war und nur noch selten gezeigt wird, ergeben, sind rein politischer Natur und betreffen das, was damals im Land diskutiert wurde. Das zu Beginn des Artikels zitierte Protestlied ist eine Hymne auf den Wunsch, die Welt zu verändern, wenn sie uns nicht richtig zu repräsentieren scheint. So wirkt Kratz‘ Film auch fast 40 Jahre nach seiner Entstehung unglaublich aktuell; man muss nur No Future durch Last Generation ersetzen und die Protestbewegungen, die im Film von der Musik von Sigi Maron und Konstantin Wecker begleitet werden, werden zu den heutigen Demonstrationen.

Dystopisch und zwischen dem Behnsteig (als Zeichen der Erlösung) und der sich abzeichnenden U-Bahn (ständige Gefahr) pendelnd, dokumentiert Atemnot eine scheinbar unmögliche und unglaublich gefährliche jugendliche Liebesgeschichte, in der der Tod eine zentrale Rolle spielt. Dem Tod nahe, finden die beiden Protagonist:innen in einem visuell und musikalisch intensiven Schlusspunkt ihre ersehnte Freiheit. Die Regisseurin Käthe Kratz will damit nach eigenem Bekunden denjenigen eine Stimme geben, die keine haben und die sie manchmal sogar ablehnen. Das Thema ist hochaktuell: Die Selbstmordrate ist nämlich wieder steigend. Und sie, die glücklicherweise – oder unglücklicherweise, je nach Sichtweise – aus dieser Situation herausgekommen sind, werden niemals aufgeben und einfach zufrieden sein. Eine sehr eindringliche Botschaft, die richtige Mischung aus Provokation und Kritik, die in Turrinis feinen Werken immer präsent ist.

Ebenso von seltener Intensität sind die Szenen von Tina und Gerhard, vor allem jene, die von der Entstehung und Festigung ihrer Liebe zeugen: Von der langen Unterwassersequenz im Schwimmbad der Baumgartner Höhe bis zur Liebesprobe auf dem Bahnsteig am Schottenring. Dank des vage halluzinierten Blicks von Silberschneider und des entfremdeten Blicks von Cejpek erkennen wir, dass die beiden jungen Menschen sich lieben, auch ohne ein Wort zu sagen, und zeigen dies mit großer emotionaler Kraft. All das (und noch viel mehr) ist Atemnot, also die Suche nach einem Ausbruch aus der Realität und die Landung in einem „nicht gelobten“ Land voller Glück, repräsentiert durch das Jugendzentrum in der Gassergasse, das gerade abgebaut wird. Eine bisweilen langatmige und verzweifelte Kritik am System, die aber den damaligen Zeitgeist gut wiedergibt, der dem entstandenen öffentlichen und privaten System kritisch gegenübersteht und deshalb Veränderungen anstrebt.

Titel: Atemnot
Regie: Käthe Kratz
Land/Jahr: Österreich / 1984
Laufzeit: 97’
Genre: Drama, Coming-of-age, Musikfilm, Liebesfilm
Cast: Henriette Cejpek, Johannes Silberschneider, Hilde Berger, Hubert Kronlachner, Armin Felsberger, Walter Langer, Sigi Maron, Maria Martina, Maria Singer, Andreas Vitásek, Konstantin Wecker
Buch: Peter Turrini
Kamera: Christian Berger
Produktion: Neue Studio Film

Info: Die Seite von Atemnot auf iMDb; Die Seite von Atemnot auf der Webseite der Viennale; Die Seite von Atemnot auf der Webseite der Austrian Film Commission