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STILLSTAND

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von Nikolaus Geyrhalter

Note: 8.5

Stillstand ist ein äußerst wertvoller und wichtiger Dokumentarfilm. Wahrscheinlich eines der bedeutendsten Werke, die die jüngste Pandemie bezeugen. Eine sorgfältige und präzise Ästhetik, wie sie bei Nikolaus Geyrhalter üblich ist, hat ihr Übriges getan und uns unsterbliche Bilder beschert. Bilder, die uns faszinieren, aber gleichzeitig wie ein Schlag in die Magengrube treffen. Auf der Viennale 2023.

Als die Welt stillstand

Die Veröffentlichung eines Dokumentarfilms des berühmten Nikolaus Geyrhalter stößt immer auf großes Interesse. Der Wiener Dokumentarfilmer, der die Welt, in der wir leben, in imposanten und eindrucksvollen Bildern zu erzählen weiß, hat oft ideale Orte fern der Heimat gefunden, auf die er seine Kamera richten konnte. Dies war jedoch bei Stillstand, der anlässlich der Viennale 2023 in Österreich uraufgeführt wurde, nicht der Fall. Stillstand erzählt nämlich von einer sehr jungen historischen Periode, die uns praktisch alle betrifft. Eine historische Periode, in der es praktisch unmöglich war, die eigene Wohnung zu verlassen, in der zahlreiche Menschen starben und in der die Angst vor Krankheiten stärker denn je war. Die Rede ist von der Zeit rund um die jüngste Covid-19-Pandemie und dem darauf folgenden Lockdown.

Bei dieser Gelegenheit beschrieb Nikolaus Geyrhalter seine Heimatstadt Wien und wie sie sich durch die Pandemie verändert hat. Perfekt symmetrische Kameraeinstellungen von leeren Straßen, Straßenbahnen, die ohne Fahrgäste fahren, und Schwimmbädern, die aussehen, als wären sie schon lange verlassen, erinnern fast an einen Science-Fiction-Film. Und doch hat Nikolaus Geyrhalter, wie wir alle wissen, einen extremen Realismus zu seinem Arbeitspferd gemacht. Ein starkes Gefühl der Agoraphobie steht zunächst im Mittelpunkt. Die jüngste Vergangenheit ist für viele Menschen noch zu schmerzhaft.

In Stillstand hat Geyrhalter also genau auf jeden einzelnen Aspekt geachtet. Der zwischen März 2020 und Dezember 2021 gedrehte Dokumentarfilm zeigt uns mal Patienten in Krankenhäusern, mal Fernsehnachrichten, in denen die Bevölkerung über die dramatische Zunahme der Infektionen informiert wird, mal sogar Interviews mit denen, die das alles hautnah miterlebt haben (und das ist einer der Aspekte, die dieses Werk von den anderen Arbeiten des Autors unterscheiden, in denen die Protagonist:innen eben nur selten vor der Kamera ihre Geschichten erzählen). Eine Gruppe von Student:innen kehrt nach monatelangem Fernunterricht in die Schule zurück. Einige haben sogar den Eindruck, dass es sich um eine Rückkehr zur Schule nach den Sommerferien handelt. Und während sich ein junger Patient mit Tischtennis vergnügt, während er sich über seine Situation lustig macht, gibt es auch eine Familie von Blumenhändlern, die während des ersten Lockdowns beschlossen hat, jedem, der zufällig an ihrem Laden vorbeikommt, Blumen zu schenken.

An Momenten der Ironie mangelt es in Stillstand nicht. Gleichzeitig erinnern uns die Särge, die in einem Krematorium verbrannt werden, an die Dramatik der Ereignisse. Aber haben wir die Bedeutung solcher Ereignisse wirklich verstanden? Bilder von Protesten, von Menschen, die ihre Masken verbrennen, von Personen, die sich den neuen Impfstoffen widersetzen, sprechen für sich selbst. Nikolaus Geyrhalter hat uns unvoreingenommen die Fakten gezeigt und die Zuschauer:innen einfach ihre eigenen Schlüsse ziehen lassen.

All dies macht Stillstand zu einem äußerst wertvollen und wichtigen Dokumentarfilm. Wahrscheinlich eines der bedeutendsten Werke, die von der jüngsten Pandemie zeugen. Eine sorgfältige und präzise Ästhetik, wie sie in den Werken des Wiener Regisseurs üblich ist, tat ihr Übriges und schenkte uns unsterbliche Bilder, Bilder, die uns faszinieren, uns aber gleichzeitig wie ein Schlag in die Magengrube treffen. Bilder, die uns lange, lange im Gedächtnis bleiben werden.

Titel: Stillstand
Regie: Nikolaus Geyrhalter
Land/Jahr: Österreich / 2023
Laufzeit: 137’
Genre: Dokumentarfilm
Buch: Nikolaus Geyrhalter
Kamera: Nikolaus Geyrhalter
Produktion: Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion

Info: Die Seite von Stillstand auf der Webseite der Viennale; Die Seite von Stillstand auf der Webseite der Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion