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WALD

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von Elisabeth Scharang

Note: 6

In Wald hat die Romantik der Waldeinsamkeit den resignierten Blick von Gerti, die gewohnheitsmäßige Haltung von Franz und das innere Chaos von Marian, die einzige, die dem Aufeinandertreffen zweier Welten, der alten und der neuen, etwas Positives abgewinnen zu können scheint.

Allein leben, um gut zu leben

Die Rückkehr der vielseitigen Regisseurin Elisabeth Scharang hinter die Kamera ist ein bukolisches, schlichtes Drama, das sich oft zu sehr auf Bilder einer unberührten, zeitlosen Natur verlässt. Bemerkenswert sind die Leistungen der Hauptdarsteller:innen, insbesondere die der Protagonistin Brigitte Hobmeier, die mit ihrer wesentlichen und minimalistischen Schauspielweise vollkommen glaubwürdig ist. Das langsame Tempo und die einfache, manchmal abwesende Schreibweise von Wald (Weltpremiere auf dem Toronto International Film Festival 2023) vermitteln jedoch das Gefühl, etwas bereits Angesehenes und leicht Vohersehbares angeschaut zu haben, trotz der guten Voraussetzungen.

Marian Malin, eine Fachjournalistin für Umweltprobleme, beschließt daher, Wien und das Leben mit ihrem Mann Gheorghe (Bogdan Dumitrache) zu verlassen, um in den Bezirk Zwettl zurückzuziehen, wo sie aufgewachsen ist. Nach dem Terroranschlag in der österreichischen Hauptstadt, bei dem ein Mädchen nur wenige Meter von ihr entfernt ums Leben kam, bleibt sie wundersam unverletzt. Die emotionalen und psychischen Nachwirkungen der Tragödie sind typisch für diejenigen, die solche Ereignisse überleben, und das Leben mit ihnen wird natürlich schwierig.

Die Protagonistin, die beeindruckende Brigitte Hobmeier, fühlt sich im Stadtalltag, der auch und vor allem aus öffentlichen Verkehrsmitteln und großen Versammlungen besteht, nicht mehr sicher und zieht daher in das Haus, das ihr die Großmutter im Waldviertel hinterlassen hat, den Wald des Titels. Hier, ohne Strom und Auto, verbringt die Frau ihre Tage damit, sich von ihrer posttraumatischen Belastungsstörung zu kurieren, zwischen wilden Waldläufen und schnellen Mahlzeiten im Dorfgasthaus, wenige Kilometer entfernt von dem, was im Grunde eine abzureißende und neu zu errichtende Hütte ist. Ein bisschen wie das Leben von Marian selbst, die nach dem Verlust ihrer Mutter und vor allem ohne sich von ihren besten Freund:innen Gerti (Gerti Drassl) und Franz (Johannes Krisch), die im Dorf geblieben sind und sich nun zu Recht über diese unerwartete Rückkehr ärgern, verabschieden zu haben, aus diesem Ort geflohen ist.

Der von Veit Heiduschkas Wega Film in Zusammenarbeit mit Michael Katz produzierte Film Wald ist von dem gleichnamigen Roman von Doris Knecht aus dem Jahr 2015 inspiriert. Inspiriert in dem Sinne, dass das Drehbuch von Elisabeth Scharang das Buch an ihre persönlichen Erfahrungen anpasst, da sie Augenzeugin der Ereignisse war, die sich am 2. November 2020, dem Tag des Terroranschlags in Wien, ereigneten. Interessant ist in diesem Zusammenhang die Entscheidung, keine Rekonstruktion oder zumindest eine fiktive Version der Ereignisse zu inszenieren, sondern zwei Rückblenden, die von Marians gequälten Erinnerungen erzeugt werden, da dies praktisch der Auslöser ist, von dem alles ausgeht. Anfang, aber auch Ende: Ende des Lebens, Ende der Zivilisation, Ende der Ruhe. Marians Entscheidung, der Welt, den U-Bahnen und den überfüllten Plätzen zu entfliehen, ist nichts Neues, hat aber eine eindeutig kathartische Wirkung, denn man braucht kein Geld, kein Auto und keinen Strom, um sich selbst zu finden und seine inneren Wunden zu heilen.

Der Kampf, der Walds Erzählung belebt, ist zweifach und lässt die Protagonistin an beiden Fronten kämpfen: Einerseits die seelischen Narben, die sie dazu bringen, an einem einsamen Herbstsee laut zu schreien, und andererseits das gewohnte Leben des typischen verschlossenen, Neuem gegenüber zurückhaltenden Dorfes, das sich seit ihrer Rückkehr in seinem Gleichgewicht bedroht und gestört fühlt. Gerti und Franz sind in diesem Sinne die beiden, die mehr als alle anderen unter dem Abschied von ihrer Freundin gelitten haben, die einst mit ihnen die Tage im Wald verbrachte und von etwas träumte, das sich für niemanden erfüllte. Das Wiederaufleben ungelöster Konflikte wird auch der Auslöser für die Eskalation sein, die die letzte halbe Stunde kennzeichnet, die endlich voller Action ist und nicht nur aus klärenden Schnäpsen und Bierdosen, die als Olivenzweige verwendet werden, besteht. Etwas verspätet, meiner Meinung nach.

Alles verlieren und scheitern, um wirklich neu anzufangen: Das Mantra des Films erinnert ein wenig an das autogene Training, das Ultratrail-Läufer absolvieren, bevor sie sich an so schwierige Aufgaben wie den Aufstieg auf den Mont Blanc wagen. Und manchmal betont Wald, wie schwierig es ist, sich selbst zu finden und wiederzufinden, besonders wenn man Opfer der Entscheidungen anderer ist. „Ich konnte mir mein Leben nicht selbst aussuchen“, sagt Gerti, die immer einem tyrannischen Vater und einer zunächst schwachen und nun an Altersdemenz leidenden Mutter zur Verfügung stand. „Ich habe nie daran gedacht, Vater zu werden, meine Frau hat es für mich entschieden“, sagt Franz in einem bewegenden Moment des Austauschs mit Marian.

In diesem Ausschnitt aus bukolischem und doch modernem Leben trifft die Romantik der Waldeinsamkeit auf die Resignation von Gerti, die gewohnheitsmäßige Haltung von Franz und das innere Chaos von Marian, die einzige, die dem Aufeinandertreffen dieser alten und neuen Welten etwas Positives abgewinnen zu können scheint. Alles in allem interessant, manchmal sogar unterhaltsam, auch dank einiger lustiger Witze, schafft es Wald meiner Meinung nach nicht, seine eigene zufriedenstellende Erfüllung zu finden, was wahrscheinlich an der schlichten Erzählweise liegt, die zwar eine Stärke ist, aber auch zu einer Grenze wird, die zu Vorhersehbarkeit und Banalität führt.

Titel: Wald
Regie: Elisabeth Scharang
Land/Jahr: Österreich / 2023
Laufzeit: 100’
Genre: Drama
Cast: Brigitte Hobmeier, Gerti Drassl, Bogdan Dumitrache, Johannes Krisch, Sarah Zaharanski
Buch: Elisabeth Scharang
Kamera: Jörg Widmer
Produktion: Wega Film

Info: Die Seite von Wald auf iMDb; Die Seite von Wald auf der Webseite der Austrian Film Commission