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ZUSAMMENLEBEN

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von Thomas Fürhapter

Note: 7.5

Als minimalistisches Vademecum konzipiert, zeigt Zusammenleben, der jüngste Dokumentarfilm von Regisseur Thomas Fürhapter, durch den geschickten Einsatz einer statischen Kamera eine Reihe von Aufnahmen von seltener Intensität.

Wie lernt man Integration?

Sieben Jahre nach seinem letzten Werk, dem umstrittenen Die dritte Option (2017), kehrt das Talent des Dokumentarfilmers Thomas Fürhapter zurück, und zwar mit einem 90-minütigen Film, in dem ein geordnetes Chaos herrscht. Der Regisseur beobachtet das Projekt der Stadt Wien, die mit finanzieller Unterstützung der Europäischen Union eine Integrationswerkstatt für Neuankömmlinge in der Stadt organisiert hat. Die Idee ist fantastisch, vor allem wenn man bedenkt, dass die österreichische Hauptstadt ein Schmelztiegel ist, in dem 52 % der Bürger:innen ausländischer Herkunft, die aus 182 verschiedenen Nationen kommen, leben. Aus diesem Grund ist Zusammenleben von der ersten Einstellung an eine Mischung aus verschiedenen Sprachen, immer mit englischen Untertiteln, was dem Film einen internationalen Charakter verleiht und ihn, entsprechend der Prämisse, für alle zugänglich macht. Als Beweis für die Aufrichtigkeit des Projekts zeigt der Deutschkurs für deutsche Staatsbürger:innen, dass Integration nicht nur die Sprache, sondern auch den Umgang mit anderen Menschen betrifft.

Zusammenleben bedeutet wörtlich „zusammen leben“. Durch den Unterricht in Farsi wird vermittelt, dass Integration vor allem bedeutet, sich nicht zu verändern und dass es sich dabei nicht um einen einseitigen Prozess handelt. Um dies zu ermöglichen, stützt sich die Erzählung stark auf Beispiele, die aus eigenen Erfahrungen oder aus den Nachrichten bekannt sind, und zeigt, dass es sich nicht um die üblichen interkulturellen Märchen, die Vermittler, seien es Chinesen oder Russen, erzählen, handelt.

Wie eine Dokumentation von National Geographic über Tiere porträtiert Zusammenleben die Wienerinnen und Wiener als seltene, wertvolle und edle „Tiere“. Oft unnahbar, muss man sie mit kleinen Gesten für sich gewinnen, sei es beim Kochen der eigenen traditionellen Speisen oder dem klassischen Smalltalk auf dem Schulhof, wenn man auf seine Kinder wartet. „Ihr werdet sehen“, sagt eine der Vermittlerinnen, „dass sie kommen werden“.

Es ist selbstverständlich, dass die Gesten, die jeder von uns zu machen gewohnt ist, im Hinblick auf die Integration überprüft werden müssen. Das liegt daran, dass es sich in der Tat um einen gemeinsamen Weg handelt und dass Offenheit und Anpassung auf beiden Seiten erforderlich sind, aber vor allem daran, dass man den Kontext, in dem man sich befindet, nicht vergessen darf: Wien und generell Österreich. Sitten, Gebräuche, Gewohnheiten, aber vor allem Verbote und Gesetze werden von einem Polizeibeamten in Zivil erklärt, ein großer Klassiker des mitteleuropäischen Landes: Was in Ägypten zum Beispiel höflich ist, wird in Österreich nicht unbedingt auf die gleiche Weise aufgenommen.

Als minimalistisches Vademecum konzipiert, zeigt Zusammenleben durch den geschickten Einsatz einer statischen Kamera eine Reihe von Aufnahmen von seltener Intensität. Die von Fürhapter und den Kameraleuten Judith Benedikt und Klemens Koscher getroffene Entscheidung, die Einstellung erst später auf die sprechende Person zu richten und damit die Reaktionen der Gesprächspartner:innen, die oft nur aus Blicken und interessierten Gesichtern bestehen, in den Vordergrund zu stellen, gibt dem Zuschauer eine Tiefe und Komplexität zurück, die nur das Thema des Zusammenlebens impliziert.

In Zusammenleben, das auch durch seinen Schnitt intelligent und harmonisch ist, widmet der Regisseur die letzten zehn Minuten dem Sexualkundeunterricht, so dass dies das letzte Bild ist, das im Gedächtnis des Zuschauers bleibt. Der Unterschied zwischen verschiedenen religiösen Überzeugungen und der so genannten säkularen Gesellschaft dient nur als Trigger, um zu erklären, dass es jenseits des körperlichen Vergnügens vor allem um Respekt für die eigenen Gefühle und die der anderen geht. „Frauen werden überall missbraucht“, sagt eine Vermittlerin, deshalb ist Bildung so wichtig.

Die abschließende Szene fasst die Bedeutung von Zusammenleben noch einmal am besten in der starren Einstellung zusammen, die die ruhige Reaktion einer Teilnehmerin einfängt, als man sagt, dass viele trotz allem keine Ausländer in ihrem Haus haben wollen. Off-Stimme. Gedämpfte Reaktion in Großaufnahme. Ende. Applaus.

Titel: Zusammenleben
Regie: Thomas Fürhapter
Land/Jahr: Österreich / 2022
Laufzeit: 90’
Genre: Dokumentarfilm
Buch: Thomas Fürhapter
Kamera: Judith Benedikt, Thomas Fürhapter, Klemens Koscher
Produktion: Mischief Films

Info: Die Seite von Zusammenleben auf iMDb; Die Seite von Zusammenleben auf der Webseite der Austrian Film Commission; Die Seite von Zusammenleben auf der Webseite der sixpackfilm