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INGEBORG BACHMANN – REISE IN DIE WÜSTE

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von Margarethe von Trotta

Note: 7

Ingeborg Bachmann – Reise in die Wüste entwickelt sich auf zwei Zeitebenen: Einerseits werden wir Zeuge der ersten Begegnung zwischen der Protagonistin und Frisch, ihrer toxischen Liebesbeziehung und ihrer Trennung; andererseits sehen wir gleichzeitig die Frau, die endlich frei ist und durch eine lange Reise in die Wüste versucht, ihre emotionalen Wunden zu heilen. Die Frau und dann die Schriftstellerin. Durch die Frau entsteht die Schriftstellerin. Auf der Berlinale 2023.

Innere Wunden

Die berühmte österreichische Schriftstellerin und Lyrikerin Ingeborg Bachmann hat sich in ihren Werken oft mit heiklen und besonders umstrittenen Themen, wie zum Beispiel der Rolle der Frau in der Gesellschaft, in der wir leben, den Folgen des Krieges und ganz allgemein dem, was zu menschlichem Leid führt, beschäftigt. Die äußerst freie, intelligente und nonkonformistische Autorin hat sich oft gegen bestimmte Konventionen ausgesprochen, ohne Angst vor harscher Kritik oder Skandalen zu haben. Die Regisseurin, Schauspielerin und Drehbuchautorin Margarethe von Trotta – zusammen mit Rainer Werner Fassbinder, Volker Schlöndorff und vielen anderen eine der wichtigsten Vertreter:innen des Neuen Deutschen Films – war schon immer fasziniert von Frauenfiguren, die durch ihren Mut, ihr Talent und ihre Ideen berühmt wurden. Ingeborg Bachmann – Reise in die Wüste, im Wettbewerb auf der Berlinale 2023, ist einfach das Ergebnis dieser „Begegnung“.

Wie also hat es die Berliner Regisseurin geschafft, das Wesen der Klagenfurter Schriftstellerin auf die Leinwand zu bringen? Ganz einfach: Indem sie sich vor allem auf ihr Privatleben, ihren Liebeskummer, ihre problematische Beziehung zu dem Schweizer Schriftsteller Max Frisch, ihren verzweifelten Freiheitsdrang und auf einige der Ereignisse, die zu einigen ihrer berühmtesten Texte (darunter die Rede „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“) führten, konzentrierte.

In Ingeborg Bachmann – Reise in die Wüste wird die Schriftstellerin daher von der talentierten Vicky Krieps, die gerade viel Erfolg mit Corsage (Marie Kreutzer, 2022) hatte, gespielt. Die Liebesgeschichte mit Frisch (Ronald Zehrfeld) steht im Mittelpunkt der Inszenierung und dient gleichzeitig als Vorwand, um einen viel komplexeren Diskurs, der insbesondere die oft komplizierte und vielschichtige Beziehung zwischen Opfer und Täter betrifft, zu eröffnen.

Und so entwickelt sich Ingeborg Bachmann – Reise in die Wüste auf zwei Zeitebenen: Einerseits werden wir Zeuge der ersten Begegnung zwischen der Protagonistin und Frisch, ihrer toxischen Liebesbeziehung und ihrer Trennung; andererseits sehen wir gleichzeitig die Frau, die endlich frei ist und ihre emotionalen Wunden durch eine lange Reise in die Wüste in Begleitung des jungen österreichischen Schriftstellers und Regisseurs Adolf Opel (Tobias Resch) zu heilen versucht. Die Frau und dann die Schriftstellerin. Durch die Frau entsteht die Schriftstellerin.

Ähnlich wie in Hannah Arendt (2012) hat sich Margarethe von Trotta also entschieden, uns eine äußerst verwundbare und menschliche Ingeborg Bachmann zu zeigen. Eine Ingeborg Bachmann, die in Rom verliebt ist, die sich nicht an einen allzu konservativen Kontext anpassen kann, die mit aller Kraft für das kämpft, woran sie glaubt, und der es gelingt, durch ihre persönlichen Erfahrungen eine tiefgreifende soziologische Untersuchung durchzuführen. Ein zweifellos interessanter Ansatz, den die Regisseurin hier gewählt hat. Und in der Tat ist ihre Protagonistin eine zweifellos gut geschriebene und gut charakterisierte Figur, die vielleicht gerade im Hinblick auf ihren Beruf einer eingehenderen Untersuchung bedurft hätte, der es aber im Großen und Ganzen gelingt, den Zuschauer sofort mit ihrer ausgeprägten Persönlichkeit zu erreichen.

In Zürich, wo die Autorin für kurze Zeit mit ihrem Partner lebte, ist alles grau, alles ist perfekt geordnet, die Beleuchtung ist überwiegend düster und alles vermittelt ein starkes Gefühl der Klaustrophobie. In Rom sowie während der Reise in die Wüste hingegen ist das Licht warm, die Szenen sind meist im Freien gedreht, alles scheint eine Art Wiedergeburt zu bedeuten (obwohl es nicht an Hinweisen auf den tragischen Tod der Autorin, die gerade in Rom am 17. Oktober 1973 starb, mangelt). Die Narben sind noch sichtbar, der Weg ist noch lang. Und in Ingeborg Bachmann – Reise in die Wüste wird er sofort auch zum Weg vieler anderer Frauen, die jeden Tag hart darum kämpfen, wohlverdient frei, wohlverdient glücklich zu sein.

Titel: Ingeborg Bachmann – Reise in die Wüste
Regie: Margarethe von Trotta
Land/Jahr: Schweiz, Österreich, Deutschland, Luxemburg / 2023
Laufzeit: 110’
Genre: Filmbiografie, Drama
Cast: Vicky Krieps, Ronald Zehrfeld, Tobias Samuel Resch, Basil Eidenbenz, Luna Wedler, Marc Limpach, Renato Carpentieri, Katharina Schmalenberg, Nickel Bösenberg, Philip Leonhard Kelz, Joseph Stoisits, Bernd Hölscher, Stefano Bernardin, Roberta Malizia, Martin Vischer, Thomas Wachtler, Helmut Hartl, Tessy Strotz, Elisabeth Chuffart, Martin Wiebel, Sallar Othman, Abudy Ary, Riccardo Angelini, Gregor Burgstaller, Luca Bonamore, Bettina Scheuritzel, Felix Moeller
Buch: Margarethe von Trotta
Kamera: Martin Gschlacht
Produktion: Amour Fou Luxembourg, Amour Fou Vienna, Heimatfilm, Tellfilm

Info: Die Seite von Ingeborg Bachmann – Reise in die Wüste auf iMDb; Die Seite von Ingeborg Bachmann – reise in die Wüste auf der Webseite der Berlinale; Die Seite von Ingeborg Bachmann – Reise in die Wüste auf der Webseite des Österreichischen Filminstituts