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ER FLOG VORAUS – KARL SCHWANZER

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von Max Gruber

Note: 6.5

Was beim Anschauen von Er flog voraus – Karl Schwanzer sofort auffällt, ist die Wahl, den Film auf zwei verschiedenen Ebenen zu strukturieren: Einerseits entwickelt sich der Dokumentarfilm auf rein klassische Weise, andererseits nimmt die Fiktion überhand und Karl Schwanzer erwacht dank des Schauspielers Nicholas Ofczarek auf magische Weise zum Leben.

Neue Formen, neue Perspektiven

Der berühmte Architekt Karl Schwanzer (1918 – 1975) war einer der bedeutendsten Namen der Nachkriegsarchitektur in Österreich und darüber hinaus. Nach Aussage vieler Menschen, die ihn kannten, war der Entwurf eines Gebäudes für ihn fast wie das Verfassen eines Gedichtes. Und genau auf diesem Konzept basiert der Dokumentarfilm Er flog voraus – Karl Schwanzer, der 2022 von Max Gruber inszeniert und von Schwanzers Erben Martin und Caroline produziert wurde.

Perfekt symmetrische Formen werden plötzlich von vielen Neonlichtern beleuchtet. Die gewundenen Formen erheben sich in den Himmel und vermitteln fast den Eindruck eines abstrakten Gemäldes. In seiner langen und produktiven Karriere hat Karl Schwanzer nie Angst davor gehabt, neue Wege zu gehen, sich über die Regeln hinwegzusetzen und immer wieder mit neuen Sprachen zu experimentieren. Auf diese starke, sehr starke Experimentierfreudigkeit konzentriert sich daher dieser wichtige Dokumentarfilm von Max Gruber, in dem wir neben Interviews, Archivmaterial und Bildern, die Schwanzers Arbeiten zeigen, eine sehr singuläre Lösung finden.

Was beim Anschauen von Er flog voraus – Karl Schwanzer sofort auffällt, ist die Wahl, den Film auf zwei verschiedenen Ebenen zu strukturieren: Einerseits entwickelt sich der Dokumentarfilm auf rein klassische Weise, andererseits nimmt die Fiktion überhand und Karl Schwanzer erwacht dank des Schauspielers Nicholas Ofczarek auf magische Weise zum Leben. Zu diesem Anlass rezitiert Ofczarek auf einer Theaterbühne Texte, die seinerzeit von Schwanzer selbst verfasst wurden, versetzt sich in seine Lage und zeigt sich so ganz nah an seinem Publikum.

Diese Wahl ist zwar einerseits eine interessante Lösung, um diesem Er flog voraus – Karl Schwanzer eine eigene, starke Persönlichkeit zu geben, andererseits ist sie aber nicht immer überzeugend. Die Szenen, in denen Nicholas Ofczarek zu sehen ist, sind leider hoffnungslos künstlich und machen den Dokumentarfilm nur schwächer. Ein zweifellos interessanter Dokumentarfilm, bei dem jedoch die direkte Beteiligung der Familie des Protagonisten aufgrund der starken Emotionalität, die während des Films auffällt, sofort erkennbar ist.

Schwanzers Leben, seine Werke und seine Arbeitsweise werden auf der Leinwand minutiös analysiert. Max Gruber legt großen Wert auf Ästhetik und sorgt dafür, dass sein Dokumentarfilm aus den Konventionen des klassischen Dokumentarfilms „ausbrechen“ kann und sofort eine hybride Form zwischen Film und Theater annimmt. Was bedeutete für Karl Schwanzer der Begriff der Architektur und der Gestaltung? Als wir uns dem Ende nähern, Er flog voraus – Karl Schwanzer präsentiert ein wahres Crescendo. Ein Crescendo, das durch die Stimme von Nicholas Ofczarek, der aus dem Off ein Gedicht vorträgt, realisiert wird. Und in diesem von Pathos geprägten Moment können wir endlich die wahre Essenz seines Werks verstehen.

Titel: Er flog voraus – Karl Schwanzer
Regie: Max Gruber
Land/Jahr: Österreich / 2022
Laufzeit: 73’
Genre: Dokumentarfilm
Cast: Nicholas Ofczarek
Buch: Max Gruber
Kamera: Reinhard Mayr, Josef Philipp, Lisa Vogt
Produktion: Mischief Films

Info: Die Webseite von Er flog voraus – Karl Schwanzer; Die Seite von Er flog voraus – Karl Schwanzer auf iMDb