copy-shop-2001-widrich-kritik

COPY SHOP

      Keine Kommentare zu COPY SHOP

This post is also available in: Italiano (Italienisch)

von Virgil Widrich

Note: 8

Copy Shop ist die Gegenwart und die Zukunft. Der Verlust von Identität und Subjektivität durch die modernen Medien. Copy Shop ist der Verlust jeglicher Gewissheit, in einer Welt, in der wir nicht mehr wissen, was wahr ist und was nicht.

Beglaubigte Kopie

Eines der bekanntesten und emblematischsten Werke des berühmten Filmemachers Virgil Widrich. Ein surrealer, experimenteller und hochpolitischer Film. Eine Allegorie auf das, was die heutige Welt durch die Medien, die uns alle gleich machen wollen, geworden ist. Die Rede ist von Copy Shop, einem Film aus dem Jahr 2001, der 2002 für den Oscar für den besten Kurzfilm nominiert wurde und der mit Humor die Welt, in der wir leben, inszeniert.

Ein Mann (gespielt von Johannes Silberschneider) wacht in seinem Bett auf. Alles scheint normal zu sein. Der Mann steigt aus dem Bett, betrachtet sich im Spiegel des Badezimmers und verlässt das Haus. Nachdem er einen Blick auf das schöne Blumenmädchen geworfen hat, das vor seinem Haus arbeitet, überquert er die Straße und betritt den Kopierladen, in dem er arbeitet. Er macht versehentlich eine Fotokopie seiner Hand. Der Fotokopierer scheint verrückt geworden zu sein und kopiert weiterhin Bilder des Mannes, der in seinem Haus aufwacht. Ohne Stecker scheint jedoch alles wieder normal zu sein. Zumindest bis zum nächsten Tag, als eine identische Kopie des Protagonisten in seinem Haus auftaucht, mit ihm ausgeht und ihn in den Copyshop begleitet. Nach und nach werden die Klone des Mannes mehr und mehr. Die Situation scheint völlig außer Kontrolle geraten zu sein.

Copy Shop ist also die Gegenwart und die Zukunft. Der Verlust von Identität und Subjektivität durch die modernen Medien. Copy Shop ist der Verlust jeglicher Gewissheit, in einer Welt, in der wir nicht mehr wissen, was wahr ist und was nicht. Dieser wichtige Film von Virgil Widrich, der vollständig auf 35 mm gedreht und später mit der Stop-Motion-Technik bearbeitet wurde, greift auf die Sprache des Stummfilms zurück, nicht nur wegen der Abwesenheit von Dialogen und der rudimentären Schwarz-Weiß-Wahl, sondern auch und vor allem wegen wichtiger Bezüge zur Filmgeschichte, von Charlie Chaplin (es ist unmöglich, nicht an den schönen Film Lichter der Großstadt zu denken, wenn wir das hübsche Blumenmädchen vor dem Haus des Protagonisten sehen, oder an Moderne Zeiten, wenn wir ihn mit dem verrückt gewordenen Kopiergerät kämpfen sehen) bis zu Jacques Tati, ohne den legendären Harold Lloyd zu vergessen.

Virgil Widrich seinerseits hat ein äußerst originelles Werk mit einer ausgeprägten Persönlichkeit geschaffen. Sein Ziel ist es, die Geschichte der zeitgenössischen Welt durch die Filmgeschichte zu erzählen, die in seinen Arbeiten oft eine zentrale Rolle gespielt hat (man denke nur an den Kurzfilm Fast Film aus dem Jahr 2003, in dem berühmte Ausschnitte aus den wichtigsten Detektiv- und Thrillerfilmen der Vergangenheit zu einem neuen, adrenalingeladenen Film verarbeitet wurden, oder Make/Realaus dem Jahr 2010, in dem Science-Fiction-Filme der Vergangenheit eine zentrale Rolle spielten).

In Copy Shop finden wir jedoch kein Archivmaterial. Alles wurde direkt mit der Kamera von Virgil Widrich (und von Kameramann Martin Putz) gefilmt, und doch wird die Filmgeschichte zu einem wichtigen Element für die Erzählung der Gegenwart. Die Bilder wiederholen sich auf eine fast mechanische Weise. Die Kameraaufnahmen sehen manchmal wie ein vom Wind bewegtes Blatt Papier aus. Das Objektive wird plötzlich zum Subjektiven, und alle Gewissheit wird völlig zunichte gemacht. Wird es jemals eine Chance auf Rettung geben?

Titel: Copy Shop
Regie: Virgil Widrich
Land/Jahr: Österreich / 2001
Laufzeit: 12’
Genre: Surrealistischer Film, Experimentalfilm, Groteskfilm
Cast: Johannes Silberschneider, Elisabeth Ebner-Haid
Buch: Virgil Widrich
Kamera: Martin Putz
Produktion: Virgil Widrich Filmproduktion

Info: Die Seite von Copy Shop auf iMDb; Die Seite von Copy Shop auf der Webseite von Virgil Widrich; Die Seite von Copy Shop auf der Webseite der sixpackfilm