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DIE VERGANGENEN ZUKÜNFTE

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von Johannes Gierlinger

Note: 7

Dank zahlreicher analoger Filme, die im Laufe der Jahre gedreht wurden, und dank der umfangreichen Verwendung von Archivmaterial und Dokumenten präsentiert sich Die vergangenen Zukünfte als ehrlicher und aufrichtiger Dokumentarfilm, der sofort durch seinen stark kontemplativen Regieansatz auffällt.

Geschichte und Erinnerung

Wir sind, was wir sind, vor allem wegen der Vergangenheit, die wir erlebt haben. Das ist eine Tatsache. Doch wie sehr wird heute an die Vergangenheit erinnert? „Nicht der Schrift, sondern der Fotografie Unkundige wird der Analphabet der Zukunft sein“, sagte der ungarische Maler und Fotograf László Moholy-Nagy. Und es gibt viele Bilder, die von den Ereignissen der Vergangenheit zeugen, wie der Dokumentarfilm Die vergangenen Zukünfte, der 2021 von Johannes Gierlinger gedreht wurde, zeigt.

Auf den Straßen Wiens finden ständig Demonstrationen aller Art statt, sei es gegen Rassismus, zum Gedenken an vergangene Ereignisse oder zur Feier des 1. Mai. In Die vergangenen Zukünfte stellen Fragmente der Gegenwart und der Vergangenheit eine tiefgreifende und nie banale Analyse der Gesellschaft, von gefährlichen Ideen, die viele Jahre geschlummert haben, aber auch – und vor allem – von der Bedeutung der Erinnerung, die verhindern kann, dass sich dramatische Ereignisse der Vergangenheit wiederholen, dar.

Zahlreiche Denkmäler und Gedenktafeln erinnern an die Menschen, die in den vergangenen Jahrzehnten bei bestimmten revolutionären Demonstrationen ihr Leben verloren haben. Dennoch werden solche Denkmäler oft vernachlässigt und dem Schicksal überlassen. Als ob nichts geschehen wäre. Eine Frau (Lara Sienczak) wandert durch die Straßen der Stadt, vertraut ihre Überlegungen einem kleinen tragbaren Tonbandgerät an und befragt von Zeit zu Zeit andere Menschen. In den Kellern des Rathauses stehen noch immer Büsten von Adolf Hitler, während ein Teil des jüdischen Friedhofs – auf dem jetzt ein nach Arthur Schnitzler benanntes Gebäude steht – von den Nationalsozialisten beschlagnahmt wurde.

Dank zahlreicher analoger Filme, die im Laufe der Jahre gedreht wurden, und dank der umfangreichen Verwendung von Archivmaterial und Dokumenten präsentiert sich Die vergangenen Zukünfte als ehrlicher und aufrichtiger Dokumentarfilm, der sofort durch seinen stark kontemplativen Regieansatz auffällt. Die Stimme von Lara Sienczak begleitet uns – zusammen mit der von Martin Hemmer, der die eigene Sichtweise des Regisseurs zu vertreten scheint – durch den ganzen Film und gibt ihm den Charakter eines echten Bewusstseinsstroms.

Der Regisseur seinerseits hat sich für eine Inszenierung ohne jede Virtuosität entschieden, in der ein scheinbar amateurhafter Charakter alles noch direkter macht. Um die Botschaft von Die vergangenen Zukünfte vollständig wiederzugeben, braucht es nichts mehr. Und so präsentieren sich uns kurze Clips, Zeugenaussagen und Archivmaterial fast wie viele Teile eines Puzzles, die zusammen ein großes Fresko der heutigen Gesellschaft und der Vergangenheit ergeben, in dem es neben einer spärlichen Erinnerung immer auch diejenigen gibt, die bereit sind, für ihre Rechte zu kämpfen, ihren Wunsch nach Gerechtigkeit zu äußern, sich an die Vergangenheit zu erinnern im Hinblick auf eine Zukunft, die so idyllisch ist, dass sie uns heute fast als Utopie erscheint.

Titel: Die vergangenen Zukünfte
Regie: Johannes Gierlinger
Land/Jahr: Österreich / 2021
Laufzeit: 98’
Genre: Dokumentarfilm
Cast: Lara Sienczak
Buch: Johannes Gierlinger
Kamera: Johannes Gierlinger
Produktion: Subobscura Films

Info: Die Seite von Die vergangenen Zukünfte auf iMDb; Die Seite von Die vergangenen Zukünfte auf der Webseite der Subobscura Films; Die Seite von Die vergangenen Zukünfte auf der Webseite von Johannes Gierlinger