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MICHAEL HANEKE – DIE TRILOGIE DER EMOTIONALEN VERGLETSCHERUNG

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Gewalt, Kälte, Leere. Dies könnten die drei Schlüsselwörter sein, die Michael Hanekes Trilogie der emotionalen Vergletscherung charakterisieren. Die Figuren sind gleichzeitig Täter und Opfer. Henker gegenüber anderen Menschen (aber auch gegenüber sich selbst), Opfer einer Welt, in der es keine Rücksicht mehr auf den Menschen gibt.

In einer gefühllosen Welt

Im Jahr 1989 geschah etwas Neues und äußerst Wichtiges in der österreichischen und weltweiten Filmszene. In diesem Jahr, im Alter von 46 Jahren, gab Michael Haneke, der zu einem der berühmtesten zeitgenössischen Regisseure Österreichs werden sollte und der zahlreiche andere Regisseure weltweit beeinflusste und immer noch beeinflusst, sein Debüt hinter der Kamera. Und in der Tat ist 1989 ein Schlüsseljahr. Das Jahr, in dem die so genannte Trilogie der emotionalen Vergletscherung begann, aber auch das Jahr, in dem eine Art von Film entstand, der sich stark auf das in der Vergangenheit Erreichte stützte und gleichzeitig eine eigene Filmsprache entwickelte. Der siebente Kontinent schockierte Zuschauer und Kritiker aufgrund der beispiellosen Gewaltdarstellung. Häusliche Gewalt, die in jeder „anständigen Familie“ vorkommen kann. Und die gerade deshalb den Zuschauer so tief beeindruckt.

Die Trilogie der emotionalen Vergletscherung wurde drei Jahre später mit Benny’s Video fortgesetzt und 1994 mit 71 Fragmenten einer Chronologie des Zufalls abgeschlossen. Was haben diese drei Werke gemeinsam? Und vor allem: Was meint man eigentlich mit Trilogie der emotionalen Vergletscherung?

Gewalt, Kälte, Leere. Dies könnten die drei Schlüsselwörter sein, die diese Trilogie charakterisieren. Michael Haneke hat in diesen drei Filmen (aber auch in seinen weiteren Werken) bestimmte familiäre und gesellschaftliche Dynamiken präzise inszeniert, die in eine konsequente Gewalttat münden. Die Familienmitglieder, die in Der siebente Kontinent nacheinander Selbstmord begehen, aber auch der junge Benny, der in Benny’s Video ein Mädchen seines Alters, das er kurz zuvor kennengelernt hat, tötet, sowie die Protagonisten von 71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls, deren Handlungen in einer finalen Tragödie in einer Bank kulminieren, sind Täter und Opfer zugleich. Henker an anderen Menschen (aber auch an sich selbst), Opfer einer immer kälter werdenden Welt, in der niemand mehr mit seinen Mitmenschen kommuniziert, in der es keine Rücksicht mehr auf den Menschen selbst gibt, in der der Konsumismus endgültig Einzug gehalten hat und in der das Beobachten zunehmend perverse und voyeuristische Züge annimmt.

Michael Haneke behandelt solch komplexe Themen mit einer Regieschärfe, die auf den ersten Blick kalt wirken könnte. Aber in Wirklichkeit gibt es keine Spur von Kälte. Im Gegenteil, der Regisseur ist unglaublich nah an dem, was er inszeniert, er analysiert akribisch jeden Aspekt des Alltags, richtet sich direkt gegen die kapitalistische Welt, gegen das Geld (die Szene in Der siebente Kontinent, in der Geldscheine die Toilette runter gespült werden, ist emblematisch), gegen die Religion (interessanterweise wird das Kreuz selbst in 71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls fast als eine Art „Divertissement“ betrachtet, als eine Form ohne besondere Bedeutung, die in Momenten der Langeweile als Puzzle rekonstruiert werden kann). Ebenso akribisch untersucht der Regisseur die Intimität jeder seiner Figuren und charakterisiert ihre Welt und ihren Alltag durch sich wiederholende und scheinbar bedeutungslose Gesten, Gegenstände und Monitore.

Ja, Monitore. Egal, ob es sich um Überwachungskameras, Fernsehgeräte oder Videorekorder handelt, die Bilder werden ständig „gefiltert“, Gewalttaten werden uns nie vollständig vor der Kamera gezeigt, manchmal können wir sogar nur die Geräusche aus dem Off hören. Ganz im Sinne der Postmoderne stellt Haneke das Schauen ständig in den Vordergrund. Es handelt sich jedoch nicht um eine einfache Beobachtung der Realität. Trotz der Gefühlskälte, der ständigen Einsamkeit, des Mangels an Werten und Gewissheiten in Bezug auf die Protagonisten erkennen wir vor allem ein großes Verständnis für die menschliche Seele und wie der Mensch selbst im Laufe der Zeit mehr und mehr zu einem Roboter geworden ist. Wir sind, was wir tun. Wir tun, was wir sind. Aber was sind wir wirklich? Gesten werden fast mechanisch ausgeführt, ohne an die Folgen zu denken. Inzwischen scheint es keine Spur mehr von Menschlichkeit zu geben, sondern nur noch eine große, große Leere.

Dunkle Beleuchtung, hauptsächlich in Innenräumen gedrehte Szenen, kalte, fast vor dem Höhepunkt manisch eingerichtete Räume (wie die Küche im Haus des Protagonisten in Benny’s Video), die nach den erwähnten Gewalttaten völlig auf den Kopf gestellt werden, kennzeichnen diese Trilogie der emotionalen Vergletscherung. Oft sprechen die Gegenstände für die Figuren und charakterisieren sie so sehr, dass sie fast eins mit ihnen werden. Alltägliche Handlungen sind mechanisch und ohne jede Spur von Emotion. Die Zeit selbst kann nach Belieben verändert werden. So wie Benny es mit dem Video, in dem ein Schwein getötet wird, macht, indem er es immer wieder und oft in verschiedenen Geschwindigkeiten abspielt.

Betrachtet man die gesamte Filmografie von Michael Haneke, so fällt auf, dass bestimmte Konstanten der Trilogie der emotionalen Vergletscherung auch in seinen späteren Werken beibehalten werden. Dies betrifft vor allem einen großbürgerlichen Kontext, eine Gewalt, die als letzte Konsequenz einer Reihe von zu lange schlummernden Spannungen auftaucht, einen häufigen Einsatz des Off-Screens und das kluge Spiel mit den Empfindungen des Zuschauers, dessen Blicke jedes Mal geschickt gelenkt werden. Der Mensch, das Opfer einer kranken Welt, ist der wahre Protagonist. Und nur ein reifer und nüchterner Blick – eher skeptisch als pessimistisch – kann uns von ihm mit all seinen komplexen Facetten mit langen Plansequenzen, mit diegetischer Musik („ein Film ist eher ein musikalisches als ein literarisches Werk“), mit präzisen, perfekt rhythmisierten Geräuschen, die aufgrund der Stille fast betäubend sind, erzählen kann.

Mit der Trilogie der emotionalen Vergletscherung begann also eine neue Art, den Film zu verstehen und die Realität zu betrachten. Es stimmt zwar, dass Haneke oft stark auf das zurückgreift, was in der Vergangenheit geschaffen wurde, aber es stimmt auch, dass er gleichzeitig alles an einen rein postmodernen Kontext angepasst hat und sich selbst als ersten Autor, der eine bestimmte Art von Inszenierung konzipiert hat, eingestuft hat. Ein immer wieder nachgeahmter Ansatz, der uns auch in all seinen anderen Werken jedes Mal wie ein Schlag in die Magengrube trifft.

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