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DER BUSENFREUND

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von Ulrich Seidl

Note: 7.5

Mit Der Busenfreund hat uns Ulrich Seidl wieder einmal eine Figur geschenkt, die wir nicht so schnell vergessen werden. Eine Figur, die fast einer eigenständigen Welt anzugehören scheint und die – nach eigenen Aussagen des Regisseurs – nach dem Verzicht auf jegliche Form von Einkommen oder sozialen Beziehungen vielleicht sogar die Freiheit auf seine Weise gefunden hat.

Ein Leben für Senta

Rene Rupnik ist eine Person, die nicht unbemerkt bleiben kann. Das hat auch Regisseur Ulrich Seidl erkannt und ihm 1997 seinen Dokumentarfilm Der Busenfreund gewidmet, bevor er ihn für eine kleine Rolle in seinem Spielfilm Paradies: Glaube (2012) engagierte. In Der Busenfreund lernen wir diese bizarre Figur jedoch aus nächster Nähe kennen, tauchen in seine Welt ein und versuchen, seine einzigartige Einstellung zum Leben und zu den Frauen, die in seinem Leben eine zentrale Rolle gespielt haben, zu verstehen.

Rene ist vierzig Jahre alt und arbeitet als Mathematiklehrer an einem Gymnasium. Schon immer ein Bewunderer vollbusiger Frauen, erklärt er seinen Studenten einige Diagramme, indem er Parallelen zur weiblichen Form zieht. Für ihn stellt Schauspielerin Senta Berger die ideale Frau dar, sowohl aus rein sexueller Sicht als auch als mögliche Verkörperung der Mutterfigur. Er ist ihr nie persönlich begegnet, aber in seinen Gedanken lebt er jeden Tag mit ihr. In Wirklichkeit lebt Rene jedoch noch immer bei seiner Mutter, die von seinem Sauberkeitswahn und den vielen übereinander gestapelten Zeitschriften geplagt wird.

Ulrich Seidl hat sich deshalb entschieden, seine extravagante Geschichte zu erzählen, indem der Protagonist seine eigene Geschichte ohne Filter vor der Kamera erzählt, uns seine Wohnung zeigt, mit uns die Bilder seiner geliebten Senta Berger auf einer Leinwand betrachtet, in die Schule geht und seine Schüler unterrichtet. Die Kamera des Regisseurs bleibt also ein stummer Beobachter des Geschehens vor seiner Linse und liefert uns perfekt symmetrische und streng starre Kameraeinstellungen, ganz im Stil des Wiener Filmemachers.

Wie in allen Werken von Seidl wird auch in Der Busenfreund über die bizarren Angewohnheiten des Protagonisten gelacht. Gleichzeitig ist der Dokumentarfilm aber auch von einer (nicht allzu) unverhüllten Melancholie und einem tiefen Mitgefühl nicht nur für Rene, sondern auch für seine eigene Mutter durchdrungen, die ihrem Sohn ständig vorwirft, sich kein eigenes Leben aufgebaut zu haben und sich mehr und mehr in seiner eigenen Fantasiewelt verschlossen zu haben.

Ulrich Seidl seinerseits wirkt nie verurteilend, auch nicht, wenn Rene frauenfeindliche Äußerungen macht. Im Gegenteil, der Filmemacher zeigt sich nah an seiner Figur, aber auch distanziert genug, um uns seine Geschichte objektiv zu erzählen. Dunkle und kleine Räume, eine große grüne Tafel, vor der Rene seine Theorien erklärt (auch nachdem er seinen Job endgültig aufgegeben hat), ein dunkler Raum, in dem Bilder von Senta Berger auf eine Leinwand projiziert werden. Nahaufnahmen von Füßen, die sich hektisch bewegen, um die Sohlen ihrer Schuhe zu reinigen. Mit seinem gewohnt minimalistischen Regieansatz hat uns Ulrich Seidl wieder einmal eine Figur geschenkt, die wir nicht so schnell vergessen werden. Eine Figur, die fast einer eigenständigen Welt anzugehören scheint und die – nach eigenen Aussagen des Regisseurs – nach dem Verzicht auf jegliche Form von Einkommen oder sozialen Beziehungen vielleicht sogar die Freiheit auf seine Weise gefunden hat.

Titel: Der Busenfreund
Regie: Ulrich Seidl
Land/Jahr: Österreich, Deutschland / 1997
Laufzeit: 60’
Genre: Dokumentarfilm
Buch: Ulrich Seidl
Kamera: Enzo Brandner
Produktion: Lotus Film, ORF, Dschoint Ventschr Filmproduktion AG

Info: Die Seite von Der Busenfreund auf iMDb; Die Seite von Der Busenfreund auf der Webseite von Ulrich Seidl; Die Seite von Der Busenfreund auf der Webseite der Austrian Film Commission