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ROTZBUB

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von Marcus H. Rosenmüller und Santiago López Jover

Note: 7.5

Rotzbub ist ein äußerst kluger und reifer Spielfilm, der seine Stärke in der grotesken Komik findet. Das Porträt einer Welt – der des Karikaturisten Manfred Deix, aber auch derjenigen, die die Nachkriegszeit erlebt haben – die nie wirklich erloschen ist. Auf der Diagonale’22.

Junge Talente

Der Karikaturist, Musiker und Schriftsteller Manfred Deix (1949 – 2016) war in den letzten Jahren eine prominente Figur in der österreichischen Kulturszene. Seine persönliche Geschichte, seine Art, die österreichische Gesellschaft darzustellen, und seine hervorragende Intelligenz konnten die Filmwelt daher nicht gleichgültig lassen. Damit haben Regisseure Marcus H. Rosenmüller und Santiago López Jover einen Spielfilm geschaffen, der auch für die zeitgenössische österreichische Filmgeschichte selbst von besonderer Bedeutung ist. Es ist nämlich der erste österreichische 3D-Animationsfilm, der sofort durch die Charakterisierung seiner Figuren, durch alle Details, die dazu beitragen, die erzählten Orte zum Leben zu erwecken, durch die seinerzeit von Manfred Deix selbst geschaffenen Bilder und nicht zuletzt durch eine willkommene und freche Ironie auffällt. Die Rede ist von Rotzbub, der 2021 entstanden ist und im Rahmen des Programms der Diagonale’22 präsentiert wurde.

Rotzbub spielt also in einem kleinen Dorf in Niederösterreich mit dem bedeutungsvollen Namen Siegheilkirchen, der an Boeheimkirchen erinnert, wo der Karikaturist aufgewachsen ist. Der Zweite Weltkrieg ist soeben zu Ende gegangen, und doch scheinen noch zu viele Menschen die Theorien zu teilen, die den Krieg ermöglicht haben. In der Zwischenzeit bringt eine Frau ein Kind zur Welt, dessen Namen man nicht erfährt, das aber sofort Rotzbub genannt wird. Im Laufe der Jahre arbeitet der junge Protagonist, wenn er nicht in der Schule ist, im elterlichen Gasthaus und beginnt sofort, ein außergewöhnliches Zeichentalent zu entwickeln. Zunächst fertigt er Karikaturen seines Religionslehrers an, dann erotische Zeichnungen einer jungen, vollbusigen Frau, die in der Dorfmetzgerei arbeitet. Diese Zeichnungen hatten sofort Erfolg, denn einige seiner Freunde beschlossen, sie an ihre Dorfbewohner zu verkaufen.

Rotzbub ist also ein urkomisches und gnadenloses Porträt einer Gesellschaft, die aus den Fehlern der Vergangenheit nichts gelernt zu haben scheint. Eine Gesellschaft, die immer noch extrem konservativ, rassistisch und heuchlerisch ist und in der die Religion immer eine zentrale Rolle gespielt hat. Dieselbe Gesellschaft, die viele Künstler und Schriftsteller nach dem Zweiten Weltkrieg jahrelang im Visier genommen haben. Die Ankunft einiger Zigeuner im Dorf ist später der Auslöser dafür, dass die Menschen ihr wahres Wesen zeigen.

Die CGI-Bilder sind bis ins kleinste Detail akkurat. Die Gesichtszüge der Figuren und ihre körperlichen Merkmale sind sehr ausgeprägt (mit Pickeln auf den Gesichtern der Teenager und vollbusigen Figuren, die fast an Fellinis berühmte Tabakhändlerin erinnern) und tragen dazu bei, sie zu charakterisieren. Rotzbub ist ein äußerst kluger und reifer Spielfilm, dessen Stärke in seiner grotesken Komik liegt. Das Porträt einer Welt – der von Manfred Deix, aber auch derjenigen, die die Nachkriegszeit erlebt haben – ist nie wirklich erloschen. Ein buntes, tiefgründiges, urkomisches Werk in der zeitgenössischen österreichischen Filmgeschichte.

Titel: Rotzbub
Regie: Marcus H. Rosenmüller, Santiago López Jover
Land/Jahr: Österreich, Deutschland / 2021
Laufzeit: 85’
Genre: Animationsfilm
Buch: Martin Ambrosch
Kamera: Manfred Deix
Produktion: Aichholzer Filmproduktion GmbH, Filmbüro Münchner Freiheit, ARRI Media

Info: Die Seite von Rotzbub auf der Webseite der Diagonale; Die Seite von Rotzbub auf iMDb; Die Seite von Rotzbub auf der Webseite des Österreichischen Filminstituts