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TOILETTE

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von Friederike Pezold

Note: 9

Toilette ist die Betrachtung einfacher Alltagsgesten, die Wiederentdeckung neuer Rhythmen, die Wertschätzung der eigenen Person und des menschlichen Körpers, das Konkrete wird abstrakt und vice versa. Die Schwarz-Weiß-Bilder sind lebendiger denn je. Gesten und Details werden zu reinem Kino. Kino und Film im Film. Auf der Diagonale’22.

Tägliche Rituale

Anschauen und angeschaut werden. Eine wertvolle Langsamkeit. Die Wertschätzung des menschlichen Körpers in seiner besonderen Aura des Geheimnisvollen. Wie sind wir gewohnt, die Welt um uns herum zu betrachten? Und wie können wir schließlich die Quintessenz dessen erfassen, was vor unseren Augen liegt? Regisseurin Friederike Pezold hat in ihren Filmen dem Anschauen stets große Aufmerksamkeit gewidmet. Sie kritisiert eine Welt, in der wir ständig auf invasive oder voyeuristische Weise beobachtet werden und in der uns alles explizit gezeigt wird, und versucht, den Zuschauer zum Anschauen in seinem tiefsten und edelsten Sinn „umzuerziehen“. Der experimentelle Spielfilm Toilette, der anlässlich der Diagonale’22 in der Reihe In Referenz zusammen mit anderen Arbeiten von Pezold erneut dem Publikum präsentiert worden ist, ist daher in diesem Sinne von besonderer Bedeutung.

Eine Frau – Friederike Pezold selbst – trägt einen Kimono und sitzt – noch sichtlich verschlafen – vor der Kamera und einem Fernsehgerät. Ihr Gesicht erscheint auf dem Bildschirm vor ihr. Sie geht weg, der Fernseher steht im Vordergrund und wir kommen endlich zum Wesentlichen. Verschiedene Teile ihres Körpers werden von der Kamera detailliert gefilmt und erscheinen auf dem Fernsehbildschirm. Auf den ersten Blick wirken sie fast wie abstrakte Bilder, die ihre Form verändern und sich schlängelnd bewegen. Die Langsamkeit der Bewegungen verwertet sie, und erst wenn auch wir in Kontakt mit dem Gezeigten gekommen sind, beginnen wir sie zu erkennen.

Toilette ist die Betrachtung einfacher Alltagsgesten, die Wiederentdeckung neuer Rhythmen, die Wertschätzung der eigenen Person und des menschlichen Körpers, das Konkrete wird zum Abstrakten und vice versa. Die Schwarz-Weiß-Bilder sind lebendiger denn je (auch durch die verstärkten und manchmal verzerrten Geräusche), jede einzelne Geste ist in ihrer Langsamkeit und Einfachheit unglaublich wertvoll. Das hektische Leben, die wenig verfügbare Zeit, der Mangel an Lust, genau zu beobachten, was uns täglich begegnet, werden hier aufgegeben. Jetzt ist es an der Zeit, die Bedeutung der Beobachtung wiederzuentdecken. Normaler Alltag, einfache Gesten und Details werden zu purem Kino. Kino und Film im Film. Die Filmkunst hat also die Aufgabe, uns den Wert der Bilder wiederentdecken zu lassen.

Toilette stellt die Quintessenz von Pezolds Poetik dar und schafft die Voraussetzungen für wichtige künftige Werke, in denen sie – wie zum Beispiel in Canale Grande (1983) oder im jüngsten, ebenfalls auf der Diagonale’22 präsentierten Revolution der Augen (2022) – die Gesellschaft, in der wir leben, in der wir immer auf die „falsche“ Art und Weise beobachtet werden (siehe zum Beispiel die zahlreichen, in der Stadt verstreuten Überwachungskameras), in der wir es nie schaffen (oder nicht schaffen wollen?) den Dingen auf den Grund zu gehen, stark kritisiert. Die Bedeutung von Bildern und was sie uns vermitteln können. Die Dekonstruktion des Bildes selbst. Die Macht des Kinos. Eine neue Art, die Realität als Revolution zu betrachten. Toilette ist immer aktuell und erweist sich in seiner einfachen Komplexität als feine Manifestation der Schönheit.

Titel: Toilette
Regie: Friederike Pezold
Land/Jahr: Österreich, Deutschland / 1979
Laufzeit: 82’
Genre: Experimentalfilm
Cast: Friederike Pezold
Buch: Friederike Pezold
Kamera: Friederike Pezold
Produktion: Friederike Pezold Produktion

Info: Die Seite von Toilette auf der Webseite der Diagonale; Die Seite von Toilette auf iMDb; Die Seite von Toilette auf der Webseite der sixpackfilm