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A PILE OF GHOSTS

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von Ella Raidel

Note: 7

In A Pile of Ghosts entwickelt die Regisseurin die Geschichte einer zukünftigen Stadt auf zwei Ebenen: Einerseits zeigt sie mit einem rein dokumentarischen Ansatz, was passiert, und lässt die Bilder für sich selbst sprechen. Auf der anderen Seite sind zwei Schauspieler die absoluten Protagonisten. Zunächst stellen sie sich uns beim Casting vor, später werden sie zu imaginären Bewohnern einer imaginären Stadt. Auf der Diagonale’22.

Vergangenheit und Zukunft

Die Welt, in der wir leben, verändert sich ständig. Daran gibt es keinen Zweifel. Und dabei spielt der Mensch oft eine entscheidende Rolle. Man denke zum Beispiel an die zahlreichen Einkaufs- und Wohnzentren, die jedes Jahr in der ganzen Welt gebaut werden. In diesem Zusammenhang konzentrierte sich Regisseurin Ella Raidel auf eine bestimmte Realität in China, wo ein großes Wohngebiet mit vielen Touristenattraktionen gebaut wird. Dieses Projekt wird uns in ihrem Dokumentarfilm A Pile of Ghosts vorgestellt, der auf der Diagonale’22 uraufgeführt wurde.

Riesige Plakate zeigen Bilder von dem, was sein wird. Währenddessen fahren zwei Frauen eine Landstraße entlang und stellen sich bereits vor, dass sie in dieser „zukünftigen Welt“ leben, während eine Gruppe von Arbeitern auf einer großen Baustelle arbeitet. Zwei Schauspieler – Box und Charles sind ihre Künstlernamen – sprechen vor einer grünen Hintergrundwand vor. Die Frau arbeitet halbtags als Immobilienmaklerin, da sie mit den Indie-Filmen, in denen sie mitwirkt, nicht viel Geld verdienen kann; Der Mann hingegen war schon immer ein Fan von alten Hollywood-Filmen und ist Besitzer eines Hotels, das abgerissen werden soll. Ihre Aufgabe ist es, zwei Figuren zu spielen, die sich wie Geister in einer imaginären Stadt bewegen. Eine Stadt, in der die Vergangenheit unauslöschbare Spuren hinterlassen zu haben scheint. Eine Stadt, die erst noch gebaut werden muss.

In A Pile of Ghosts entwickelt die Regisseurin die Geschichte dieser Zukunftsstadt auf zwei Ebenen: Einerseits zeigt sie mit einem rein dokumentarischen Ansatz, was passiert, und lässt – mit ständiger Verwendung einer Schulterkamera – die Bilder für sich selbst sprechen, ohne dass Bildunterschriften oder Interviews nötig sind. Auf der anderen Seite sind die beiden Schauspieler die absoluten Protagonisten. Zunächst stellen sie sich uns beim Vorsprechen vor, später werden sie zu imaginären Bewohnern einer imaginären Stadt.

Genau an diesem Punkt wird A Pile of Ghosts langsam immer stimmungsvoller und melancholischer. Ihr erster Mann (Mervyn LeRoy, 1940) – Charles‘ Lieblingsfilm – wird immer wieder zitiert und fungiert als wertvolles Bindeglied zwischen Vergangenheit und Gegenwart, als Bild einer Epoche, die nicht mehr existiert, die aber noch heute lebendig und pulsierend ist. Dieser Ansatz verwirrt zunächst den Zuschauer, der von dem Moment an, in dem wir zwei Schauspieler vor der grünen Hintergrundwand spielen sehen, fast den Eindruck hat, dass sie eine Art Divertissement schaffen wollen. Doch nach und nach ergibt alles einen Sinn, und durch diese beiden Ebenen, durch den ständigen Wechsel von Realität und Fiktion, wird eine starke Kritik am Kapitalismus und dem Wunsch, „Geld zu machen“, oft auf Kosten der Natur und des Menschen selbst, deutlich.

A Pile of Ghosts spricht Bände. Und zwar durch eine Sprache, die direkt und symbolisch zugleich ist. Ein kleines Juwel im Programm dieser Diagonale’22.

Titel: A Pile of Ghosts
Regie: Ella Raidel
Land/Jahr: Österreich, Singapur / 2021
Laufzeit: 70’
Genre: Dokumentarfilm
Buch: Ella Raidel
Kamera: Ella Raidel, Djordje Arambasic, Karel Picha, Vincent Zheng
Produktion: Ella Raidel

Info: Die Seite von A Pile of Ghosts auf der Webseite der Diagonale; Die Seite von A Pile of Ghosts auf der Webseite der sixpackfilm