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FRAU MARIA UND DIE LIQUIDIERUNG DER STOFFHANDLUNG STASTNY

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von Caspar Pfaundler

Note: 7.5

Frau Maria und die Liquidierung der Stoffhandlung Stastny macht seine Markenzeichen aus den wenigen Charakteren, die auf der Leinwand erscheinen, aus deren Geschichten, aus den sich langsam leerenden Räumen und aus den Hunderten von bunten Stoffrollen. Und die zarte Frau Maria ist die wertvolle Zeugin dessen, was gewesen ist.

Marias Welt

Frau Maria Knoth kam 1969 aus der Tschechoslowakei nach Wien. Ihr ganzes Leben lang arbeitete sie als Verkäuferin in einer berühmten Textilfabrik, der Stoffhandlung Stastny. Im Laufe der Jahre wurde diese Fabrik zu einem echten Bezugspunkt für die Fachleute des Bereichs in ganz Österreich, und ihre Schließung im Jahr 2018 markiert das Ende einer Ära. Der Regisseur Caspar Pfaundler zeugt von diesem Ereignis in seinem Dokumentarfilm Frau Maria und die Liquidierung der Stoffhandlung Stastny, in dem die Figur der Maria die Hauptrolle spielt.

Der Sohn des Fabrikgründers plaudert mit Maria und erzählt ihr einige seltsame Anekdoten, während die Frau damit beschäftigt ist, einige Stoffrollen zu ordnen. Der Raum, in dem sie sich befinden, ist farbenfroh und erinnert gleichzeitig fast an einen Raum aus einer anderen Zeit. Oder, noch besser, ein Ort, an dem die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Frau Maria erzählt der Kamera von ihrem Leben und ihrer Karriere. Nur selten hören wir die Stimme des Regisseurs, der ihr Fragen stellt und mit ihr interagiert. Die meiste Zeit ist Caspar Pfaundler nicht anwesend, sondern beobachtet nur, was um ihn herum geschieht, und liefert uns lebendige, pulsierende Bilder einer Welt, die für immer verschwinden wird.

Frau Maria und die Liquidierung der Stoffhandlung Stastny macht seine Markenzeichen aus den wenigen Charakteren, die auf der Leinwand erscheinen, aus deren Geschichten, aus den sich langsam leerenden Räumen und aus den Hunderten von bunten Stoffrollen. Mehr braucht es nicht, um die Idee dieses kleinen Geschäfts im ersten Wiener Bezirk zu vermitteln. Und die zarte Maria ist die wertvolle Zeugin dessen, was gewesen ist.

Maria sieht fast wie eine Puppe aus, sie ist immer freundlich und hilfsbereit, sie arbeitet mit Leidenschaft und kümmert sich um die Werkstatt und die Stoffe, als ob sie ihr wirklich gehören würden. Ein altes Foto von ihr als junge Frau, die mit ihrem Mann Fahrrad fährt, ist an einem Stück Stoff befestigt. Ein Stück Stoff von dem Kleid, das Maria auf dem Foto trägt. Die Protagonistin geht behutsam mit dem Stück Stoff um und empfiehlt, dass derjenige, der alle Textilien kauft, sich um es kümmern sollte. Mehr braucht es nicht für Frau Maria und die Liquidierung der Stoffhandlung Stastny, um das Wesentliche dessen zu vermitteln, was der Regisseur uns sagen wollte. Erst gegen Ende werden wir beim Betrachten der nun leeren Lagerhallen von Musik begleitet.

Die Kraft der Bilder, die Farben der Stoffe, die nach und nach einen ganzen Lieferwagen füllen, und schließlich Maria, die im Begriff ist, die Türen der Fabrik zum letzten Mal zu schließen, sprechen für sich selbst. Caspar Pfaundler wollte dies alles dokumentieren, um ein grundlegendes Kapitel der Wiener Geschichte zu zeigen, das nur wenige kennen. Genau wie im Dokumentarfilm Die Melancholie der Millionäre, ebenfalls aus dem Jahr 2018. Und dank seiner Kamera werden viele kleine Realitäten auf der großen Leinwand lebendig und bilden wie viele Puzzleteile ein großes Fresko der jüngsten Geschichte der schönen österreichischen Hauptstadt.

Titel: Frau Maria und die Liquidierung der Stoffhandlung Stastny
Regie: Caspar Pfaundler
Land/Jahr: Österreich / 2018
Laufzeit: 25’
Genre: Dokumentarfilm
Buch: Caspar Pfaundler
Kamera: Caspar Pfaundler
Produktion: Cinema Povero

Info: Die Seite von Frau Maria und die Liquidierung der Stoffhandlung Stastny auf der Webseite der Diagonale