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GESCHICHTEN AUS DEM WIENERWALD

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von Maximilian Schell

Note: 8

Geschichten aus dem Wienerwald spielt in den frühen 1930er Jahren, erzählt aber eine Geschichte, die auch heute oder sogar morgen passieren könnte. Zwei Schauspieler führen das Publikum in die Ereignisse der Protagonisten in den Gärten des Belvedere ein. Die Kamera von Maximilian Schell zeigt dann einen Mann, der uns den Rücken zuwendet, während die Sonne untergeht. Dieses Bild wird im Laufe des Films immer wieder auftauchen, zusammen mit zahlreichen Totalen und Panoramaaufnahmen, die notwendig sind, um eine gewisse Distanz zu wahren.

Dem eigenen Schicksal ausgeliefert

Maximilian Schell, der für seine schauspielerischen Leistungen weltweit geschätzt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde, hat sich im Laufe seiner langen Karriere auch als Regisseur versucht. Eine Aufgabe, die er perfekt meisterte, indem er sogar einige Spielfilme drehte, die definitiv erwähnenswert sind. Der berühmteste davon ist zweifellos Geschichten aus dem Wienerwald aus dem Jahr 1979, der auf dem gleichnamigen Theaterstück von Ödön von Horváth basiert. Eine universelle Geschichte, die zwischen den beiden Weltkriegen spielt und von der es bereits mehrere Verfilmungen und Fernsehserien gab.

Marianne (gespielt von Birgit Doll) ist die Tochter eines Spielzeugmachers (Helmut Qualtinger, der bereits in früheren Transpositionen mitgewirkt hat) und steht kurz vor der Heirat mit Oskar (Götz Kauffmann), dem Besitzer einer Metzgerei neben dem Geschäft ihrer Familie. Das Mädchen war jedoch nie wirklich in Oskar verliebt, sondern wurde von ihrem Vater dazu gedrängt, diese Beziehung einzugehen, um gute nachbarschaftliche Beziehungen zu pflegen. Auf der Verlobungsfeier lernt sie jedoch Alfred (Hanno Pöschl) kennen, einen Playboy mit Hang zum Lebensgenuss und zum Pferderennen, bei dem sie einzieht. Das Schicksal scheint jedoch andere Überraschungen für sie bereit zu halten.

Geschichten aus dem Wienerwald spielt in den frühen 1930er Jahren, erzählt aber eine Geschichte, die auch heute oder morgen passieren könnte. Zwei Schauspieler führen das Publikum in die Ereignisse der Protagonisten in den Gärten des Belvedere ein. Die Kamera von Maximilian Schell zeigt dann einen Mann, der uns den Rücken zuwendet, während die Sonne untergeht. Dieses Bild taucht im Laufe des Films immer wieder auf, zusammen mit zahlreichen Totalen und Panoramaaufnahmen, die notwendig sind, um eine gewisse Distanz zu den inszenierten Ereignissen zu wahren. Mariannes Geschichte ist die Geschichte vieler anderer Frauen, die von ihren Familien weggeschickt werden, nur weil sie sich entschieden haben – oder versucht haben – glücklich zu sein. Armut, das Leben in der Vorstadt, die Notwendigkeit, alles zu tun, um Kinder großzuziehen, aber auch eine bigotte und heuchlerische Gesellschaft sind die Säulen dieses wichtigen Spielfilms von Schell, der seinerseits das Wesen des Dramas von Horváth voll erfasst hat.

In Geschichten aus dem Wienerwald ist niemand wirklich schuldig oder unschuldig. Und selbst diejenigen, die völlig unschuldig sind, scheinen nicht dazu bestimmt zu sein, ihren Platz in der Welt zu finden. Dennoch wirkt Maximilian Schell (und vor ihm Horváth) sofort unglaublich nah (und doch distanziert genug) an seinen Figuren. Sie alle sind auf die eine oder andere Weise Opfer der Gesellschaft, einer immer noch zu heuchlerischen Mentalität, einer durch den Krieg stark verarmten Nation, die sich auf einen zweiten, dramatischen Kampf vorbereitete. Fast wie Geister bewegen sich die Figuren durch die Straßen der Stadt, in den Bars und durch den Wienerwald. Die Kamera kennt jeden von ihnen perfekt. Jede Kameraeinstellung ist gut durchdacht, Schmerz durchdringt fast jede einzelne Szene und wirkt fast wie ein stummer Schrei, der durch die Wälder bei Wien hallt. So erweist sich der wertvolle Geschichten aus dem Wienerwald als zeitloser Spielfilm, auf den der großartige Maximilian Schell wirklich stolz sein konnte.

Titel: Geschichten aus dem Wienerwald
Regie: Maximilian Schell
Land/Jahr: Deutschland, Österreich / 1979
Laufzeit: 90’
Genre: Drama
Cast: Birgit Doll, Hanno Pöschl, Helmut Qualtinger, Jane Tilden, Adrienne Gessner, Götz Kauffmann, André Heller, Norbert Schiller, Eric Pohlmann, Robert Meyer, Martha Wallner, Walter Schmidinger, Elisabeth Epp, Lil Dagover, Vadim Glowna, Vera Borek, Gerry Kronberger, Maria Engelstorfer, Heinrich Starhemberg, Manuela Dutter, Sissy Weiner
Buch: Christopher Hampton, Maximilian Schell
Kamera: Klaus König
Produktion: Arabella, Bayerisher Rundfunk, Franz Seitz Filmproduktion

Info: Die Seite von Geschichten aus dem Wienerwald auf iMDb