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SCHACHNOVELLE

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von Philipp Stölzl

Note: 8

Schachnovelle ist eine endlose Reise zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart des Protagonisten. Schachnovelle ist eine Achterbahnfahrt, der Treffpunkt zwischen der Außenwelt und der Innenwelt. Eine Erfahrung, die manchmal sehr schmerzhaft sein kann.

Im Kopf von Josef Bartok

Der berühmte Schriftsteller Stefan Zweig hat nie seine Faszination für die Psychoanalyse, die menschliche Psyche und alle Emotionen, die ein Mensch selbst in kurzer Zeit zu erleben vermag, verborgen. Seine sehr introspektive Prosa ist jedoch nicht immer einfach zu inszenieren. Doch wenn die richtige Lösung gefunden ist, können die Ergebnisse überraschend sein. Dies ist zum Beispiel beim Spielfilm Schachnovelle der Fall, bei dem Philipp Stölzl Regie führte und der frei nach Schachnovelle, dem letzten Roman, den Zweig vor seinem Selbstmord im Jahr 1942 schrieb, gedreht wurde.

Kann das Schachspiel einen Menschen vor dem Wahnsinn oder gar dem Tod bewahren? Für Stefan Zweig, der die letzten Tage seines Lebens dem Spiel gewidmet hat, war das nicht genug. Und doch gibt es einen Menschen, der tatsächlich Trost in einem der komplexesten Zeitvertreibe gefunden hat, die der Mensch selbst je erfinden konnte. Die Rede ist von Josef Bartok (gespielt von Oliver Masucci), einem angesehenen Notar in Wien, der kurz vor dem Anschluss gezwungen ist, mit seiner Frau (Birgit Minichmayr) in die USA zu fliehen, da er auf der schwarzen Liste der Nationalsozialisten steht, weil er wichtige Informationen über das Vermögen reicher jüdischer Familien besitzt. Während seiner Frau jedoch sofort die Flucht gelingt, wird der Mann bei dem Versuch, alle Papiere in seinem Büro in Brand zu setzen, verhaftet und in ein beengtes Hotelzimmer gesperrt, das er erst verlassen kann, nachdem er der Polizei die nötigen Informationen geliefert hat. Während seiner Gefangenschaft widmet sich Josef, nachdem er ein Schachbuch „gestohlen“ hat, dem Studium des Spiels und baut sogar Schachfiguren aus altem Brot.

Gefangenschaft, Verzweiflung, Selbsterhaltungstrieb. Wahnsinn. All dies ist das Wesen von Schachnovelle. Und Philipp Stölzl hat es geschafft, all diese Elemente meisterhaft zu bewältigen, dank eines geschickten Einsatzes von Rück- und Vorblenden, einer adrenalingeladenen Parallelmontage (denkwürdig ist die Szene, in der der Protagonist versucht, den Schachweltmeister zu schlagen, während er sich gleichzeitig an seinen letzten Dialog mit dem Gestapo-Offizier, der ihn gefangen hielt, zurückerinnert) und vor allem dank einer feinen Dramaturgie, der die hervorragende Leistung von Oliver Masucci voll gerecht wird. Scachnovelle ist eine endlose Reise zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart des Protagonisten. Schachnovelle ist eine Achterbahnfahrt, der Treffpunkt zwischen der Außenwelt und der Innenwelt. Eine Erfahrung, die manchmal wirklich schmerzhaft sein kann.

Das Gesicht des Protagonisten ist oft nicht erkennbar. Das Schiff, das ihn in die Vereinigten Staaten begleitet, scheint ein sicherer und einladender Ort zu sein. Die Vergangenheit ist nur noch eine vage Erinnerung. Oder doch nicht? In Schachnovelle werden alle unsere Vorstellungen ständig in Frage gestellt, bis zu dem Punkt, an dem wir selbst, wie der Protagonist, hoffnungslos verwirrt sind. Und langsam fügt sich jedes Teil des Puzzles an seinen Platz.

Philipp Stölzl hat keine Angst vor dem Risiko, er lässt sich weder von einem schwierigen Text noch von einem großen Namen der Literatur einschüchtern. Im Gegenteil, er weiß genau, was er dem Zuschauer vermitteln will. Und er tut dies mit einem klugen Licht-Schatten-Spiel, mit häufigen Ortswechseln und Zeitsprüngen, die sich zu einem Werk verbinden, das fast an den wunderschönen Film Spider von David Cronenberg aus dem Jahr 2002 erinnert. Und so entpuppt sich Schachnovelle als einer seiner besten Spielfilme, als perfekte Krönung einer zweifellos langen und produktiven Karriere, die jedoch nicht immer die Erwartungen von Publikum und Kritikern erfüllt hat.

Titel: Schachnovelle
Regie: Philipp Stölzl
Land/Jahr: Deutschland, Österreich / 2021
Laufzeit: 110’
Genre: Drama, Thriller
Cast: Oliver Masucci, Birgit Minichmayr, Clemens Berndorff, Samuel Finzi, Gerhard Flödl, Luisa-Céline Gaffron, Rolf Lassgard, Andreas Lust, Paul Matic, Lukas Miko, Maresi Riegner, Julian Rohrmoser, Albrecht Schuch, Moritz von Treuenfels, Johannes Zeiler, Hans Peter Edlmayer, Markus Schleinzer
Buch: Eldar Grigorian
Kamera: Thomas W. Kiennast
Produktion: Dor Film, Walker Worm Film, ARD Degeto Film, Bayerischer Rundfunk

Info: Die Seite von Schachnovelle auf iMDb; Die Seite von Schachnovelle auf der Webseite des Österreichischen Filminstituts; Die Seite von Schachnovelle auf der Webseite der Dor Film