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DIE TAUSEND GESICHTER EINES KRIEGES

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Die Propagandafilme, die während des Ersten Weltkriegs gedreht wurden, sollten der Nation und der Welt in erster Linie das Bild eines starken, siegreichen Österreichs vermitteln, das alles für das Wohl seiner Bürgerinnen und Bürger tun würde. Es gibt jedoch einige Dokumentarfilme, die dem Publikum fast ungewollt eine ganz andere Botschaft vermitteln.

Das Wort zu den Bildern

Die Bedeutung bestimmter Propagandafilme, die vor allem während des Ersten Weltkriegs gedreht wurden, ist häufig im Zusammenhang mit der österreichischen Filmgeschichte diskutiert worden. Doch während diese Filme in erster Linie das Bild eines starken, siegreichen Österreichs, das alles zum Wohle seiner Bürgerinnen und Bürger tut, an die Nation und die Welt vermitteln sollten, gibt es einige Dokumentarfilme, die dem Publikum fast ungewollt eine ganz andere Botschaft vermitteln. Besonders erwähnenswert sind zwei kurze Dokumentarfilme aus dem Jahr 1917, die von Sascha Film produziert wurden. Dies sind Ein Heldenkampf in Schnee und Eis und Der Stellungskrieg – Bilder von der Kaiserjägerdivision.

In der ersten Dokumentation zum Beispiel wird dem Krieg selbst keine Aufmerksamkeit gewidmet. Die Kamera konzentriert sich hauptsächlich auf die Vorbereitung einer Schlacht und den Moment, in dem die Soldaten einen hohen verschneiten Berg besteigen. Die Gesichter der jungen Soldaten sind im Vordergrund zu sehen. Die Bewältigung dieser Aufgabe ist mit viel Mühe verbunden. Was wir sehen, sind vor allem die Auswirkungen des Krieges auf junge Männer, die täglich ihr Leben riskieren. Leid, Müdigkeit, aber auch Angst werden zu den großen Protagonisten. Das Gleiche gilt, als man schließlich das Schlachtfeld erreicht: Leichen von verwundeten Soldaten werden auf Bahren getragen, alles ist zerstört, einige Männer schauen sogar in die Kamera. Was vermittelt wird, ist die Tragik des Krieges. Der Zuschauer ist schockiert und ist keineswegs stolz auf seine Nation.

Dieselbe Wirkung vermittelt auch der Dokumentarfilm Der Stellungskrieg – Bilder von der Kaiserjägerdivision. Hier beginnen die Ereignisse jedoch viel früher und dokumentieren vor allem den Alltag der Soldaten abseits des Schlachtfelds. Jeder von ihnen plaudert mit seinen Kameraden, wirkt entspannt, isst in Gesellschaft und lässt seine Stiefel putzen. Der Krieg scheint nur ein entfernter Gedanke zu sein. Dann, im Winter, ändert sich alles: Jetzt ist es Zeit, in die Schlacht zu ziehen und sich auf einen blutigen Kampf vorzubereiten. Und so werden wir an Ein Heldenkampf in Schnee und Eis erinnert: Auch hier sehen wir die Erschöpfung, Müdigkeit und Angst der Soldaten vor einer Schlacht. Auch hier sind ihre Gesichter ausdrucksstärker denn je und zeigen uns einmal mehr, dass es, wie einst Erasmus von Rotterdam theoretisierte, keine gerechten Kriege gibt.

Doch je nach dem gewählten Regieansatz können sich die Dinge völlig verändern. Neben diesen beiden einzigartigen Dokumentarfilmen gibt es ein weiteres Werk, das besondere Aufmerksamkeit verdient. Die Rede ist von Beim Johannesfall in den Radstätter-Tauern im Winter, der 1916 gedreht und ebenfalls von Sascha-Film produziert wurde. Die Botschaft, die hier vermittelt wird, ist eine ganz andere, und der Dokumentarfilm selbst erinnert fast an eine Art Werbespot. Die Kamera konzentriert sich auf die Heldentaten der Soldaten vor der eigentlichen Schlacht. Auch hier sehen sich die Männer mit einem verschneiten Berg konfrontiert. Auch hier spielt die Umgebung eine zentrale Rolle. Doch hier werden kaum Anzeichen von Leiden oder Ermüdung gezeigt, sondern die Leistung selbst wird uns fast wie eine sportliche Leistung vorgeführt. Von den Schlachten ist nichts zu sehen. Ein äußerst „neutraler“ Ansatz, der sich somit weiter von dem unterscheidet, was zur gleichen Zeit realisiert worden ist.

Und so kann dank des Kinos jede Botschaft vermittelt werden. Oft sogar „ungewollt“. Nicht alle Propagandafilme konzentrierten sich auf die Soldaten und ihr Leben abseits des Schlachtfelds. Was dem Publikum vermittelt werden sollte, war etwas ganz Bestimmtes. Dennoch hat die Kamera oft jedes noch so kleine Detail aufgenommen. Die Wirkungskraft des Kinos war erkannt worden, aber sein volles Potenzial, seine Fähigkeit, jede einzelne Emotion seiner Protagonisten einzufangen, war noch nicht wirklich klar. Jetzt hat die Geschichte ihm die Ehre erwiesen.

Bibliographie: Das tägliche Brennen: eine Geschichte des österreichischen Films von den Anfängen bis 1945, Elisabeth Büttner, Christian Dewald, Residenz Verlag
Info: Die Seite von Ein Heldenkampf in Schnee und Eis auf film.at; Die Seite von Der Stellungskrieg – Bilder von der Kaiserjägerdivision auf der Webseite der Viennale; Die Seite von Beim Johannesfall in den Radstätter-Tauern im Winter auf film.at