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2020

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von Friedl vom Gröller

Note: 7.5

2020 zeigt uns, was wir in den letzten Monaten nicht sehen konnten. Und das auf eine ironische, aber auch höchst provokative Weise. Friedl vom Gröller zeigt uns ein ungewöhnliches 2020, ein „verbotenes“ 2020, das in kontrastreichem Schwarz-Weiß fast die Konnotationen eines Traums annimmt. Auf der Viennale 2021.

Was wir nicht sehen

Ein sehr merkwürdiges Jahr, 2020. Eine lange, hochdramatische und entfremdende Zeit, mit der keiner von uns gerechnet hatte. Im Jahr 2020 begann eine neue Art, den Alltag zu verstehen – und zu erleben -, jeder begann, sein Leben ausschließlich in den eigenen vier Wänden zu betrachten, Gewohnheiten änderten sich, die Art des Umgangs mit Menschen änderte sich. Was haben wir im gesamten Jahr 2020 am meisten vermisst? Oder noch besser: Was ist es, das wir, nachdem wir endlich von zu Hause weggegangen sind, lange, lange nicht mehr gesehen haben? Die Filmemacherin, Fotografin und Videokünstlerin Friedl vom Gröller hat uns mit ihrem Kurzfilm 2020, der auf der Viennale 2021 (wo sie auch mit einem weiteren Kurzfilm präsent ist: Das Rad) uraufgeführt wird, einen ungewöhnlichen Rückblick auf das vergangene Jahr gegeben.

Auf der Leinwand erscheint – in schwarz-weiß – ein Mund. Ein offener Mund, in dem einige Zähne fehlen. Die betreffende Person ist beim Zahnarzt und lässt sich eine neue Prothese einsetzen. Plötzlich sehen wir denselben Mund mit perfekten Zähnen. Und dann noch ein offener Mund, noch einer und noch einer. Auf der Straße trägt jeder eine Maske. Keiner darf seinen Mund zeigen, außer natürlich die Tiere. Und tatsächlich zeigt ein Mann schließlich stolz die Zähne seines Hundes vor der Kamera.

2020 zeigt uns, was wir in den letzten Monaten nicht sehen konnten. Und das auf eine ironische, aber auch höchst provokative Weise. Friedl vom Gröller zeigt uns ein ungewöhnliches 2020, ein „verbotenes“ 2020, das in kontrastreichem Schwarz-Weiß fast die Konnotationen eines Traums annimmt. Der vollständig auf Film gedrehte Kurzfilm macht sich nicht einfach nur über bestimmte Einschränkungen lustig, sondern zeigt sich vielmehr als stark „wütend“, „schreiend“ und verzweifelt nach Freiheit verlangend. Und so entfaltet sich das politische Potenzial des Films mit seiner ganzen kommunikativen Kraft vor unseren Augen.

Friedl vom Gröller weiß genau, was sie dem Zuschauer mitteilen will und wie sie es tun soll. In diesem sehr kurzen Film hat die Regisseurin es sofort vermieden, das Drama der vergangenen Zeit zu inszenieren, und hat nie über die Krankheit selbst gesprochen. Zumindest hat sie dies nicht direkt getan. Und nach einer Reihe von Werken ähnlicher Art kommt nun ein Produkt, das uns die Realität aus einer ganz anderen Perspektive zeigt. Eine „unwirkliche“ Realität (wer ist denn schon einmal während des Lockdowns zum Zahnarzt gegangen?), deren entfremdende Wirkung durch das Fehlen von Ton und einen gelinde gesagt frenetischen Schnitt noch verstärkt wird. Die Realität, die Friedl vom Gröller nach Belieben formen wollte.

Was wird dann aus Menschen werden? Die am Ende des Films gezeigten Zahnprothesen, unter denen der Name der Regisseurin steht, sprechen für sich selbst.

Titel: 2020
Regie: Friedl vom Gröller
Land/Jahr: Österreich / 2021
Laufzeit: 2’
Genre: Experimentalfilm
Buch: Friedl vom Gröller
Kamera: Friedl vom Gröller
Produktion: Friedl vom Gröller

Info: Die Seite von 2020 auf der Webseite der Viennale; Die Seite von 2020 auf der Webseite der sixpackfilm