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NULLO

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von Jan Soldat

Note: 7.5

Nullo wurde mit wenigen Mitteln und an einem einzigen Drehort realisiert. Im kleinen Schlafzimmer des Protagonisten befinden sich nur er und der Regisseur. Und auch dieses Mal sind Jan Soldats Poetik und Stil deutlicher denn je zu erkennen. Auf der Viennale 2021.

Mut zur Veränderung

Norbert hat sich nie wohl in seinem Körper gefühlt. Gleichzeitig wollte er aber nie eine Frau werden oder den mühsamen Weg zur Geschlechtsumwandlung gehen. Was sollte also getan werden? Der junge Mann entschied sich für die drastischste Lösung, die es gibt: Er schnitt sich (selbst) über einen Zeitraum von sechs Jahren die Genitalien ab. Diese einzigartige Geschichte hat uns der junge Regisseur Jan Soldat in seinem Dokumentarfilm Nullo gezeigt, der auf der Viennale 2021 uraufgeführt wurde.

In Nullo erzählt Norbert also seine Geschichte, endlich zufrieden, vor der Kamera des Regisseurs. Er ist völlig nackt und zeigt stolz seinen neuen Körper. Dennoch war sein Leben nicht immer einfach, und die Erinnerung an die Vergangenheit – vielleicht nur dank eines alten Videos auf seinem Handy – kann äußerst schmerzhaft sein.

Eine, gelinde gesagt, schockierende Geschichte, die uns Jan Soldat erzählt hat. Und der Regisseur, der sich schon immer für Menschen interessiert hat, die extrem unkonventionell sind und aufgrund ihrer besonderen Gewohnheiten manchmal sogar am Rande der Gesellschaft leben, hat dieses Mal einen Protagonisten gewählt, der extrem mutig ist, der hart darum gerungen hat, seine eigene Harmonie zu finden, und der sich nicht scheut, der ganzen Welt zu zeigen, wie er ist. Nicht einmal in seinen intimsten Momenten.

Nullo wurde also mit wenigen Mitteln und an einem einzigen Drehort gefilmt. Im kleinen Schlafzimmer des Protagonisten befinden sich nur er und der Regisseur. Und auch diesmal sind die Poetik und der Stil des Filmemachers deutlicher denn je zu erkennen: Wenige einfache, starre Kameraeinstellungen, eine intime Atmosphäre, eine Figur, die man nicht so schnell vergessen wird. Kurz gesagt: Pures Kino. Echtes, schmerzhaftes, oft schockierendes, aber auch zärtliches und auf seine Weise ironisches Kino. Jan Soldat hat seit Jahren seinen Weg gefunden, und jedes Mal gelingt es ihm, uns zu überraschen, neugierig zu machen und sogar zu bewegen.

Mit einem Regieansatz, der manchmal fast an das Kino von Ulrich Seidl erinnert, hat sich Soldat in der internationalen Filmszene etabliert. Das liegt nicht nur an der Reife seiner Regie und den Themen, die er behandelt, sondern auch und vor allem an der großen Zuneigung, die er stets für seine Figuren empfindet. Erst vor einem Jahr, bei der Viennale 2020, erinnern wir uns zum Beispiel daran, wie Heiko (Protagonist von Wohnhaft Erdgeschoss) vor der Kamera verzweifelt weinte, als er sich an seine Großeltern erinnerte. Diesmal sehen wir Norbert, der nach so vielen Jahren – und so viel Schmerz! – endlich das bekommen hat, was er immer wollte. Jan Soldat urteilt nie, sondern wird zu ihrem Vertrauten. Wir hören oft seine Stimme, wenn er mit den Figuren interagiert. Die Kamera ist nur ein äußeres Mittel, das diese neuen Freundschaften besiegelt. Freundschaften, die für immer auf Video festgehalten werden und die durch ihre authentische Einfachheit auf magische Weise zum Kino werden.

Titel: Nullo
Regie: Jan Soldat
Land/Jahr: Österreich, Deutschland / 2021
Laufzeit: 16’
Genre: Dokumentarfilm
Buch: Jan Soldat
Kamera: Jan Soldat
Produktion: Jan Soldat

Info: Die Seite von Nullo auf der Webseite der Viennale; Die Seite von Nullo auf der Webseite der sixpackfilm; Die Seite von Nullo auf der Webseite von Jan Soldat