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BURNING PALACE

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von Mara Mattuschka und Chris Haring

Note: 8

Burning Palace von Mara Mattuschka und Chris Haring ist ein lebendiges, pulsierendes Bild des Inneren eines jeden Menschen, seiner Träume und Bedürfnisse. Ein Film, der auf tausend Arten interpretiert werden kann und der sich durch seine sorgfältige, aber auch mutige und experimentelle Regie auszeichnet. Auf der Viennale 2021.

Eros und Psyche

Der menschliche Körper als Gefängnis. Der menschliche Körper als temporäre Behausung. Der menschliche Körper, der sich selbst verleugnet, aber gleichzeitig auch zu sich selbst finden muss. Der menschliche Körper als geschlossene Hülle, die uns nur das Gefühl gibt, ständig und unweigerlich allein zu sein. Eine wichtige Studie über den menschlichen Körper, über sein Bedürfnis nach freier Sexualität und über deren Verweigerung wurde von den Filmemachern Mara Mattuschka und Chris Haring in ihrem 2009 gedrehten Kurzfilm Burning Palace durchgeführt, der anlässlich der Viennale 2021 im Rahmen der dem Filmhistoriker Amos Vogel gewidmeten Retrospektive Film as a subversive Art erneut dem Publikum vorgestellt wurde.

Burning Palace – basierend auf dem Theaterstück The Art of Seduction, das Chris Haring für die Biennale 2007 geschaffen hat – ist ein wahres visuelles und auditives Erlebnis. Burning Palace zelebriert den menschlichen Körper, befreit ihn von seiner Erotik, obwohl er sich vor ihr fürchtet. Wir befinden uns also in einem Theater. Hinter dem Vorhang sehen wir die Schatten von fünf Tänzern, die einen Tanz aufführen, der sexuelle Handlungen simuliert. Hinter der Bühne stellen wir jedoch fest, dass sich die Tänzerinnen und Tänzer nicht einmal gegenseitig berühren. Sie leben alle im selben Hotel und werden nachts von Pan geweckt, der auch ihre sexuellen Instinkte weckt. Aber wird dies wirklich eine so befreiende Erfahrung sein?

In Burning Palace wird Sexualität als ein Grundbedürfnis, aber auch als unglaubliches Leiden angesehen. Eine Sexualität, die oft abgelehnt und verdrängt wird und die die ProtagonistInnen in die tiefste Verzweiflung treibt. Das Rot der Räume deutet auf eine brennende Leidenschaft hin, die verzerrten Geräusche – die uns oft ans Kino von David Lynch denken lassen – stehen für die kontroverse Beziehung zur Leidenschaft selbst. Die Körper der Akteure winden sich, beobachten sich gegenseitig, bleiben aber am Ende immer allein. Grimassen erscheinen auf ihren Gesichtern, die einen tiefen Schmerz verbergen. Die Kamera der beiden Regisseure folgt jedem von ihnen und unterstreicht mit Zooms und Weitwinkelaufnahmen jedes einzelne Gefühl.

Und so finden wir in Burning Palace einige der Konstanten der Filmografie von Mara Mattuschka, zu denen neben Einsamkeit und Sexualität auch Oneirisches und nicht zuletzt Mythologie gehören (neben Pan, der, nachdem er alle geweckt hat, das Unvermeidliche entfesselt, gibt es nämlich drei Sirenen, deren Gesang jeden Mann anlockt). In Burning Palace ist alles aleatorisch. Selbst das Hotel, in dem die Protagonistinnen und Protagonisten wohnen, wird als temporäre Behausung betrachtet, wie der menschliche Körper selbst. Was wird für jeden von ihnen nach dieser Art „Wachtraum“ übrig bleiben? Das Lied Lonely (Akon, 2005), das von einem der Schauspieler sowohl am Anfang als auch am Ende des Films gesungen wird, spricht für sich selbst.

Burning Palace ist all dies und noch viel mehr. Burning Palace ist das lebendige, pulsierende Abbild des Innenlebens eines jeden Menschen, seiner Träume und Bedürfnisse. Ein Film, der auf tausend Arten interpretiert werden kann und sich durch eine sorgfältige, aber auch mutige und experimentelle Regie auszeichnet. Bilder und Geräusche erwecken etwas Einzigartiges zum Leben, eine künstlerische Darbietung, die auf der großen Leinwand ihr ganzes komplexes Wesen perfekt wiedergibt.

Titel: Burning Palace
Regie: Mara Mattuschka, Chris Haring
Land/Jahr: Österreich / 2009
Laufzeit: 32’
Genre: Experimentalfilm
Cast: Stephanie Cumming, Luke Baio, Katharina Meves, Alexander Gottfarb, Anna Maria Nowak
Buch: Mara Mattuschka, Chris Haring
Kamera: Josef Nermuth
Produktion: Minus Film

Info: Die Seite von Burning Palace auf iMDb; Die Seite di Burning Palace auf der Webseite der Viennale