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SEKUNDENARBEITEN

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von Christiana Perschon

Note: 8

Sekundenarbeiten ist vollständig auf Film gedreht. Eine Rückkehr zum wahren Wesen des Kinos. In ähnlicher Weise erscheint uns das leere Blatt Papier von Liselott Berschorner fast wie eine Art Rohdiamant. Ein Rohdiamant, der vor unseren Augen geschliffen wird und der uns dank dieses besonderen Verfahrens noch wertvoller erscheint. Auf der Viennale 2021.

Zeichnende Hände

Oft braucht es nur ein paar Sekunden, um ein Kunstwerk zu schaffen. Das ist die Theorie der 94-jährigen Künstlerin Liselott Berschorner, die sehr wenig Zeit braucht, um kleine, aber wertvolle Zeichnungen zu schaffen. Ihre Arbeit, ihre Kunst, ihre Annäherung an Schönheit zeigt uns daher die junge Filmemacherin Christiana Perschon in ihrem Kurzfilm Sekundenarbeiten, der auf der Viennale 2021 uraufgeführt wurde.

Die Stimme der Künstlerin, die mit der Regisseurin plaudert und ihr erklärt, wie sie sich zu einem leeren Blatt Papier verhält, wird von einer völlig schwarzen Leinwand begleitet. Dann geschieht auf magische Weise die Schöpfung. Schweigen. Die Künstlerin lächelt in die Kamera, umgeben von einigen ihrer Kunstwerke. Auf einem weißen Blatt Papier werden abstrakte, mit Kohle gezeichnete Formen zum Leben erweckt. Und endlich ist hier Harmonie.

In nur drei Minuten lässt sich das Wesen der Kunst von Liselott Berschorner erfassen. Und die Regisseurin, die sich schon immer für das Leben und die Werke geschätzter Künstlerinnen aus aller Welt interessiert hat, weiß genau, was sie dem Zuschauer zeigen muss, worauf sie ihre Kamera richten muss, welche Details, welche Ausdrücke, welche Gefühle auch ihren Kurzfilm zu einem kleinen, wertvollen Kunstwerk machen können. Sekundenarbeiten ist vollständig auf Film gedreht. Eine Rückkehr zum wahren Wesen des Kinos. Ebenso erscheint uns das leere Blatt Papier von Liselott Berschorner fast wie eine Art Rohdiamant. Ein Rohdiamant, der im Begriff ist, vor unseren Augen geformt zu werden und der uns dank dieses besonderen Verfahrens noch wertvoller erscheint.

Christiana Perschon ihrerseits hat sich für einen elementaren Regieansatz entschieden. Wenige, bedeutsame Kameraeinstellungen, in denen kein Geräusch zu hören ist, wechseln sich mit einigen Sekunden schwarzer Leinwand ab, in denen wir im Gegenteil die Stimme der Künstlerin hören, die uns von ihrer Art des Kunstschaffens und davon erzählt, dass sie selbst keine Ahnung hat, was sie machen soll, bis zu dem Moment, in dem sie sich vor einem leeren Blatt Papier befindet. Schwarz-Weiß-Bilder, eine intime und entspannte Atmosphäre und auch ein Hauch willkommener Ironie machen Sekundenarbeiten zu einem feinen und sehr persönlichen Kurzfilm.

Auf halbem Weg zwischen Dokumentar- und Experimentalfilm zeigt uns Sekundenarbeiten eine Realität, die wir seit langem beobachten, deren Wesen wir aber endlich vollständig verstehen. Das ist der ruhigen Stimme von Liselott Berschorner zu verdanken, aber auch – und vor allem – dem reifen und aufmerksamen Blick von Christiane Perschon. Ein kluger, aufrichtiger und selbstbewusster Blick, der sich nahe an dem zeigt, was er erzählen will, aber gleichzeitig eine respektvolle Distanz bewahrt. Und durch die Augen – und die Kamera – der Regisseurin fühlen wir uns auch als Teil dieser Welt, als wären wir selbst in der Werkstatt der Künstlerin und würden sie dabei beobachten, wie sie neue, elegante Formen entstehen lässt.

Titel: Sekundenarbeiten
Regie: Christiana Perschon
Land/Jahr: Österreich / 2021
Laufzeit: 14’
Genre: Dokumentarfilm
Buch: Christiana Perschon
Kamera: Christiana Perschon
Produktion: Christiana Perschon

Info: Die Seite von Sekundenarbeiten auf der Webseite der Viennale; Die Seite von Sekundenarbeiten auf der Webseite der sixpackfilm