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KRAI

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von Aleksey Lapin

Note: 8

Krai ist ein intimer und persönlicher Film, der uns sofort das Gefühl gibt, Teil einer Welt zu sein, die uns zunächst unbekannt ist. Der Regisseur hat sich für einen Ansatz entschieden, der so wesentlich wie möglich ist. Die Realität, von der er erzählt, braucht keine zusätzlichen Details und ist wunderbar, so wie sie ist. Film im FIlm und Dokumentarfilm vereinen sich zu etwas Zartem, Ironischem, aber auch unglaublich Bewegendem.

Fiktion. Realität. Kino.

„Ursprünglich ging es im Kino um das Leben, jetzt dient es nur noch dazu, ein bestimmtes Geschäft zu finanzieren“. So der in Russland geborene, aber in Wien aufgewachsene Regisseur Aleksey Lapin während eines Gesprächs mit seinem Cousin. Aber wie schön wäre es, einen Film machen zu können, in dem man versucht, zum wahren Wesen der siebten Kunst selbst zurückzukehren? Genau das wollte Lapin mit seinem Werk Krai, das auf der Viennale 2021 uraufgeführt wurde, erreichen.

„Krai“ bedeutet auf Russisch „Rand“, „Grenze“. Etwas dazwischen. Und so kann auch diese wichtige Arbeit von Aleksey Lapin als ein Werk auf halbem Weg zwischen Realität und Fiktion betrachtet werden, ein Werk, das nie vollendet wurde, dessen Arbeitsprozess aber einen eigenständigen Film darstellt. Im russischen Dorf Jutanowka angekommen, startete der junge Regisseur ein regelrechtes Casting, um – auch dank des Beitrags seiner Familie – eine Art „historischen Film“ zu drehen, einen Film, der die Erinnerung an Traditionen und vergangene Zeiten wach hält, der – wie in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts – von Menschen und Leben erzählt.

Bei einem kleinen Dorffest wird den Leuten der Beginn der Dreharbeiten angekündigt. Viele Menschen sind sehr daran interessiert, am Spielfilm mitzuwirken. Aber am Ende, nach einer Reihe von Castings, einigen kurzen Interviews, Momenten aus dem Alltag und langen Gesprächen unter Freunden, gibt es den Film schon. Und wir können ihn endlich in seiner ganzen Kraft ansehen und erleben.

Ein elegantes Schwarz-Weiß zeigt einen wertvollen Treffpunkt zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Vergangenheit erscheint uns auf der Leinwand noch lebendig und pulsierend. Gegenwart ist das, was der Regisseur und sein Team jeden Tag leben, während sie von Zeit zu Zeit an die Zukunft denken. Lapins Kamera filmt jeden wertvollen Moment. Während Autos wegen eines mysteriösen Gases nicht mehr fahren, umarmen die Neffen des Regisseurs glücklich ihre Mutter, nachdem sie eine neue Tapete in ihr Zimmer gebracht hat. Und das ist noch nicht alles: Während ein Mann mittleren Alters sagt, er sei sehr daran interessiert, in einem „historischen Film“ mitzuwirken, und dabei seine früheren Erfahrungen als Schauspieler anführt, erinnert sich die Großmutter von Aleksey Lapin nostalgisch an ihre Zeit als Lehrerin.

Krai ist ein intimer und persönlicher Film, der uns sofort das Gefühl gibt, Teil einer Welt zu sein, die uns zunächst unbekannt ist. Der Regisseur seinerseits hat sich für einen möglichst wesentlichen Ansatz entschieden. Die Realität, von der er erzählt, braucht keine weitere Details und ist wunderbar, so wie sie ist. Film im Film und Dokumentarfilm vereinen sich zu etwas Zartem, Ironischem, aber auch unglaublich Bewegendem. Bilder aus einer vergangenen Zeit, die in der Gegenwart lebendiger denn je ist. Erinnerungen, die nie verblassen und die auf magische Weise zum Kino werden. Und so ist die ersehnte Rückkehr zum Kino der Vergangenheit endlich Wirklichkeit geworden. Aleksey Lapin hat uns mit seinem Krai ein echtes Juwel geschenkt. Die siebte Kunst erzählt schließlich das Leben. Ein Leben, das nicht immer einfach ist, das wir aber unweigerlich wahnsinnig lieben.

Titel: Krai
Regie: Aleksey Lapin
Land/Jahr: Österreich / 2021
Laufzeit: 123’
Genre: Dokumentarfilm
Buch: Aleksey Lapin
Kamera: Adrian Campean
Produktion: Horse & Fruits

Info: Die Seite von Krai auf iMDb; Die Seite von Krai auf der Webseite der Viennale; Die Seite von Krai auf der Webseite der Horse & Fruits