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HINTERLAND

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von Stefan Ruzowitzky

Note: 7

Hinterland ist ein durch und durch expressionistischer Film. Ein Film, in dem eckige Szenenbilder, enge Gassen, geneigte Gebäude, bedrohliche Schatten und schiefe Kameraeinstellungen die Aufgabe haben, uns einen der dramatischsten Momente der Geschichte hautnah erleben zu lassen und viel Unruhe zu vermitteln.

Ein ungewöhnliches Wien

Der Oscar-Preisträger Stefan Ruzowitzky ist zweifelsohne einer der vielseitigsten Filmemacher der österreichischen Filmszene. Denn der in Wien geborene Regisseur hat es im Laufe seiner langen und produktiven Karriere geschafft, sich auf alle möglichen Filmgenres zu beziehen und dabei fast immer die Erwartungen des Publikums und der Kritiker gleichermaßen zu erfüllen. Dies war zum Beispiel bei den Horrorfilmen Anatomie (2000) und Anatomie 2 (2003), dem Coming-of-Age-Film Tempo (1996) und dem Holocaust-Drama Die Fälscher (2007), für das er 2008 den Oscar für den besten fremdsprachigen Film erhielt, der Fall. Aber während in diesem Fall eine extrem realistische und minimalistische Regie die Idee des Krieges und all seine Hässlichkeit perfekt zu vermitteln vermochte, wählte der Regisseur im Fall des Spielfilms Hinterland (2021), um einen weiteren dramatischen Kriegskonflikt zu inszenieren, einen völlig anderen Ansatz.

In diesem Fall befinden wir uns also im Wien des Jahres 1920. Kommissar Peter Perg (gespielt von Murathan Muslu) kehrt nach sieben Jahren Gefangenschaft in Russland zusammen mit einer Gruppe von Kameraden endlich nach Hause zurück. Doch als er in der Stadt ankommt, stellt er fest, dass sich die Dinge völlig verändert haben: Die österreichisch-ungarische Monarchie existiert nicht mehr, alle leben in extremer Armut und die Stadt selbst wirkt sehr befremdlich. Wenige Tage nach seiner Rückkehr kommt einer seiner Kriegskameraden auf mysteriöse Weise ums Leben, und wie er werden auch mehrere andere Soldaten brutal ermordet. Es ist Peters Aufgabe, wieder mit der Polizei zusammenzuarbeiten, um Licht in die mysteriösen Morde zu bringen.

Die Stadt, in der der Protagonist geboren und aufgewachsen ist, ist nicht mehr dieselbe. Der Krieg hat die Bevölkerung verarmt und viele Männer in den Wahnsinn getrieben. Dieses starke Gefühl der Verwirrung wird in Hinterland durch eine einzigartige CGI-Darstellung der Stadt Wien gut wiedergegeben. Stefan Ruzowitzky hat sich für einen zweifellos mutigen Regieansatz entschieden, der sich, wenn auch zunächst nicht überzeugend, später als eine hervorragende Lösung erweist, um nicht nur die Gefühle des Protagonisten, sondern auch ein starkes Gefühl der Angst und vor allem des Wahnsinns zu inszenieren. Und hier fühlt man sich sofort an Das Cabinet des Dr. Caligari (Robert Wiene, 1920) erinnert, in dem der Wahnsinn selbst die Hauptrolle spielt.

Und tatsächlich ist Hinterland in jeder Hinsicht ein expressionistischer Film. Es ist ein Film, in dem eckige Szenenbilder, enge Gassen, geneigte Gebäude, bedrohliche Schatten und schiefe Kameraeinstellungen die Aufgabe haben, uns einen der dramatischsten Momente Österreichs hautnah miterleben zu lassen und viel Unruhe zu vermitteln. Auch die verstümmelten Körper der Opfer verleihen dem Ganzen eine noch makabere Note und erinnern sofort an die früheren Erfahrungen des Regisseurs mit Horrorfilmen.

Hinterland ist also vor allem visuell beeindruckend, obwohl es sich um einen gut geschriebenen Thriller handelt, der vor allem eine wichtige Anti-Kriegs-Apologetik ist. Stefan Ruzowitzky scheut sich nicht, etwas zu wagen und mit neuen Filmsprachen zu experimentieren, auch wenn er sich von der Vergangenheit inspirieren lässt. Zwar wird neben Wienes Meisterwerk auch Gustav Ucickys Café Elektric (1927) in gewisser Weise in Erinnerung gerufen, doch das Bild des Protagonisten, der verzweifelt den Leichnam seines Kameraden in den Armen trägt, lässt uns sofort an Die Fälscherdenken: Auch hier sehen wir einen Menschen zusammen mit einem Kriegsopfer; auch hier bemerken wir, wie der Mensch selbst angesichts von solchen Ereignissen machtlos ist; auch hier finden wir einen einsamen Menschen, der gezwungen ist, ziellos umherzuwandern, und der jede Hoffnung auf eine bessere Zukunft verloren zu haben scheint.

Titel: Hinterland
Regie: Stefan Ruzowitzky
Land/Jahr: Österreich, Luxemburg / 2021
Laufzeit: 98’
Genre: Drama, Kriminalfilm, Thriller
Cast: Murathan Muslu, Liv Lisa Fries, Max von der Groeben, Marc Limpach, Margarethe Tiesel, Maximillien Jadin, Timo Wagner, Aaron Friesz, Stipe Erceg, Trystan Pütter, Germain Wagner, Matthias Schweighöfer, Nilton Martins, Jeanne Werner, Konstantin Rommelfangen, Al Ginter, Mö Sbiri, Lukas Walcher
Buch: Robert Buchschwenter, Hanno Pinter, Stefan Ruzowitzky
Kamera: Benedict Neuenfels
Produktion: Amour Fou Luxembourg, Film Fund Luxembourg, FreibeuterFilm

Info: Die Seite von Hinterland auf der Webseite der Austrian Film Commission; Die Seite von Hinterland auf iMDb