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PETER TURRINI – KOMÖDIE UND TRAGÖDIE, THEATER UND FILM

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Der vielseitige, facettenreiche und unglaublich witzige Dramaturg Peter Turrini hat im Laufe seiner langen und produktiven Karriere ein umfassendes, aufrichtiges und leidenschaftliches Bild des heutigen Österreich gezeichnet. Vergangenheit und Gegenwart, Komödie und Tragödie, Theater und Film vermischen sich in seinen Werken perfekt und schaffen ein großes Fresko der Welt, in der wir leben.

Die tausend Gesichter seines Österreichs

Nominiert als Bester Fernsehdokumentarfilm für den Franz-Grabner-Preis 2020, widmet sich Peter Turrini – Eine komische Katastrophe (unter der Regie von Danielle Proskar und aus dem Jahr 2019) einer der prominentesten Figuren der österreichischen Theaterszene. Denn der seit den 1960er Jahren tätige Dramaturg Peter Turrini ist immer noch einer der überraschendsten und vielseitigsten Künstler Österreichs. Und genau sein geliebtes und gehasstes Österreich steht oft im Mittelpunkt seiner Werke. Ein Österreich, das er wie kaum ein anderer zu porträtieren vermochte. Ein Österreich, das heute sehr stolz auf einen Autor ist, der sich sowohl auf dramatische Geschichten als auch auf lustige Komödien, sowohl auf die Theaterwelt als auch auf die Filmwelt beziehen kann und oft auch bizarre Figuren spielt. Apropos Filmen: Welchen Beitrag hat Peter Turrini bisher zur siebten Kunst geleistet?

Um seine legendäre Figur besser zu verstehen, müssen wir uns einen Überblick über seine Werke und seine Poetik verschaffen. Peter wurde am 26. September 1944 in St. Margarethen im Lavanttal als zweiter Sohn des italienischen Tischlers Ernesto Turrini und Elsa Ressler geboren. Sein Vater sprach kaum Deutsch und verbrachte deshalb seine Tage in seiner kleinen Werkstatt, weit weg von allem und jedem. Diese fehlende Beziehung zu seinem Vater hat viele von Turrinis späteren Werken beeinflusst. Er hat eine vage Erinnerung an seinen Vater und hat immer bedauert, ihn nicht gut genug gekannt zu haben. Seine Kindheit im österreichischen Dorf wird auch das Leben des jungen Peter prägen, der sich immer gegen eine allzu enge und konservative Gesellschaft gewehrt hat, die sich einer Art „latentem Faschismus“ schuldig gemacht hat, der sich in einem Hass auf Ausländer oder jedenfalls auf alle, die in irgendeiner Weise als „anders“ gelten, äußert.

Und tatsächlich hat sich Peter Turrini selbst immer „anders“ gefühlt, unabhängig von der Umgebung, in der er gelebt hat. Er war „anders“ in seiner Heimatstadt, da er halb Italiener war, und er war auch „anders“, als er nach Wien zog, da die Menschen in der großen europäischen Hauptstadt eine ähnliche Einstellung zu Kleinstadt Menschen hatten. Dieses Gefühl der Unzulänglichkeit veranlasste ihn, viel zu reisen und einige Zeit im Ausland zu leben, zunächst in Italien, dann in Griechenland, wo er sowohl als Kellner als auch als Hotelmanager arbeitete.

Er hat sich jedoch schon immer für die Theaterwelt interessiert, und tatsächlich begann Peter Turrini schon in jungen Jahren, sich der Wiener Avantgarde anzunähern und seine ersten Werke zu schreiben, wobei er sich in Ansatz und Thematik Autoren wie seinen Landsleuten Thomas Bernhardt und Elfriede Jelinek sehr nahe fühlte und gemeinsam mit ihnen der künstlerischen Bewegung des österreichischen Sozialen Theaters der 1960er Jahre angehörte. 1967 brachte er sein erstes Theaterstück, Rozznjogd, heraus, in dem bereits einige Konstanten seines Werks zu finden sind: Der Wiener Dialekt (eng verbunden mit dem Schauplatz in der proletarischen Welt), Figuren aus der bäuerlichen Welt, Religion und vor allem eine starke Kritik an der zeitgenössischen Gesellschaft.

Dies sind die Grundzüge von Turrinis Werken, die unabhängig von der Thematik oder der Handlung in den meisten seiner Arbeiten zu finden sind. Dies ist zum Beispiel in Stücken wie Der tollste Tag (1972), Kindsmord (1973), Josef und Maria (1980) und Die Minderleister (1988) der Fall. Gesellschaft, latenter Faschismus, Österreich. Sein geliebtes und gehasstes Österreich ist ein weiterer Protagonist seiner Werke, seien es Theaterstücke, Essays (u.a. Mein Östererreich, 1988, und Liebe Mörder!, 1996) oder auch Film- und Fernsehdrehbücher. In Turrinis Werken wird Österreich in all seinen Facetten dargestellt. Und neben dieser starken Kritik an seinem Geburtsort gibt es auch eine starke Faszination für sein zweites Heimatland: Italien. An Italien schätzt Turrini seit jeher die Gastfreundschaft und Herzlichkeit und natürlich die Tatsache, dass es ihn an seinen eigenen Vater erinnert. Und obwohl der Autor nicht fließend Italienisch spricht, hatte er im Laufe der Jahre die Gelegenheit, mit Dario Fo zu arbeiten (mit dem er oft in Bezug auf Themen und Herangehensweise verglichen wurde) und bestimmte Autoren – vor allem Carlo Goldoni – eingehend zu studieren. Seine Komödien Die Wirtin (1973), Campiello (1982) und Der Diener zweier Herren (2007) sind zum Beispiel freie Adaptionen von La Locandiera, Campiello und Arlecchino Servitore di due Padroni.

Und was ist mit Filmen? Peter Turrini ist auch Autor zahlreicher Drehbücher und hat sich oft der Filmwelt gewidmet, wobei er jedes Mal eine eigene Rolle spielte. Im Laufe der Jahre hat sich der Dramaturg auch gerne als Schauspieler versucht. Seit den 1970er Jahren ist er unter anderem in den Filmen Staatsoperette und Exit…nur keine Panik (1977 bzw. 1980 unter der Regie von Franz Novotny) sowie von 1976 bis 1980 in der berühmten Fernsehserie Alpensaga von Dieter Berner zu sehen, bei der er auch das Drehbuch schrieb. Dies war jedoch nicht sein einziges Engagement als Schauspieler in einer Fernsehserie: Zwischen 1984 und 1987 wirkte Turrini in der Serie Lebenslinien (Regie: Käthe Kratz) und 2005 im berühmten Tatort mit.

Jede Figur, die er spielte, entsprach genau der Stimmung seines eigenen Werks, irgendwo zwischen Komik und Tragik, und sie war auf jeden Fall bemerkenswert, selbst wenn es sich nur um eine Nebenfigur handelte. Dies war beispielsweise auch in den Fernsehfilmen Drei Sekunden Ewigkeit (Jörg Graser, 1995) und Die Verhaftung des Johann Nepomuk Nestroy (Dieter Berner, 2000), basierend auf dem gleichnamigen Roman von Peter Turrini, der Fall.

Viele seiner Theaterstücke wurden später verfilmt. Und während Rozznjogd (Dieter Haspel, 1986) und Josef und Maria (Vera Loebner, 1991) zu seinen bedeutendsten Verfilmungen zählen, gibt es ebenso interessante Spielfilme von ihm, die eine gewisse Bedeutung für die Filmwelt haben. Dazu gehören insbesondere Vielleicht in einem anderen Leben, der 2011 unter der Regie von Elisabeth Scharang entstand und von ihm in Zusammenarbeit mit Silke Hassler geschrieben wurde, und Fremdenzimmer, der 2019 von Jan Frankl verfilmt wurde und seine letzte Kinoarbeit ist.

Vielseitig, facettenreich, unglaublich witzig – Peter Turrini hat im Laufe seiner langen und produktiven Karriere ein umfassendes, aufrichtiges und leidenschaftliches Bild des heutigen Österreich gezeichnet. Vergangenheit und Gegenwart, Komödie und Tragödie, Theater und Film vermischen sich in seinen Werken perfekt und schaffen ein riesiges Fresko der Welt, in der wir leben, von dem, was wir sind. Charaktere, die oft einsam und unverstanden sind und den starken Wunsch haben, wegzulaufen, sind das Ergebnis seiner Autobiografie, aber auch das Ergebnis eines starken Gefühls der Verwirrung, das jeder von uns erlebt, wenn wir nicht die Unterstützung und das Verständnis, die wir brauchen, finden. Peter Turrini hat sich jedem von ihnen mit Leidenschaft – und auch mit einem willkommenen Humor – gewidmet. Und wer weiß, wie viele schöne Überraschungen er uns in Zukunft noch bereiten wird.

Bibliographie: „Mein Östererreich“, Turrini P., Luchterhand Literaturverlag, 1988; „Liebe Mörder!“, Turrini P., Luchterhand Literaturverlag, 1996; „Turrini Lesebuch“, Birbaumer U., Wien, Europaverlag, 1987; „Turrini Lesebuch II“, Birbaumer U., Wien, Europaverlag, 1987; „Mein Nestroy“ von Peter Turrini“, Pavido M., 2009
Info: Die Webseite von Peter Turrini; Die Seite von Peter Turrini auf iMDb