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WHORES‘ GLORY

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von Michael Glawogger

Note: 8.5

Eine große Melancholie und ein tiefes Gefühl der Einsamkeit durchdringen Whores‘ Glory. Eine bunte, aber auch unglaublich berührende und traurige Chor-Dokumentation. Nicht eine, sondern viele Geschichten, die nur der aufmerksame und sensible Blick von Michael Glawogger so gut erzählen konnte.

Drei Welten, viele Geschichten

Michael Glawogger hat die ganze Welt bereist. Er hat die Welt bereist, um jeden einzigartigen Aspekt des Alltags der Menschen, die weit, weit weg von uns leben, zu dokumentieren. Die Menschen haben in seinen Filmen also immer eine zentrale Rolle gespielt. Die Menschen, ihre Freuden, ihre Gewohnheiten, ihre Leiden. Aber wie viel Bedeutung wird dem Menschen selbst überall auf der Welt beigemessen? Und vor allem, auf welche Weise wird der Mensch jeden Tag durch die anstrengendsten und unvorstellbarsten Arbeiten entwürdigt? Eine wichtige Untersuchung der Arbeitswelt begann 1998 mit Megacities, gefolgt von Workingman’s Death im Jahr 2005 und Whores‘ Glory im Jahr 2011.

In Whores‘ Glory konzentriert sich Glawogger auf die Welt der Prostitution und wie sie sich in den verschiedenen Ländern und Kulturen verändert. Zunächst befinden wir uns also in Thailand. Hier melden sich die Prostituierten wie normale Angestellte und gehen in einen Raum, wo sie durch ein Glasfenster von potenziellen Kunden beobachtet und ausgewählt werden. In Bangladesch ist jedoch alles anders: Hier befinden wir uns in einer Art Ghetto, in einem Dorf, in das Männer gehen, um sich kurze Momente des Glücks zu kaufen. In Mexiko spielt sich alles auf der Straße ab. In einer Vorstadtstraße, wo Frauen ihre Kunden aus mehreren Reihenhäusern rufen. Zunächst ist es jedoch an der Zeit, zu beten.

Drei Nationen, drei Kulturen, drei Religionen. Der Dokumentarfilm Whores‘ Glory ist eine perfekte Dreiteilung. Und Michael Glawogger, ein großer Beobachter und Kenner des Menschen, gibt dem Ganzen fast den Charakter eines Spielfilms. Die Kamera folgt ihren Protagonistinnen. Die Mädchen erzählen ihre Geschichten. Eine in drei Abschnitte unterteilte Leinwand zeigt uns die verschiedenen Realitäten, von denen jede dann vertieft erforscht wird. Die Inszenierung ist sorgfältig und bis ins kleinste Detail durchdacht. Doch es sind vor allem die Figuren, die Orte und die Atmosphäre, die dem Film Leben einhauchen. Michael Glawogger weiß genau, worauf er sich konzentrieren muss. Seine Kamera tut dasselbe und schenkt uns einen harmonischen, gut strukturierten Dokumentarfilm, der uns an die Hand nimmt und uns in drei Welten führt, die so unterschiedlich scheinen, wie sie sich unglaublich ähnlich sind.

Strahlende Farben, eine prächtige Umgebung, auffällige Kleidung und viele, viele Lichter prägen den Alltag der jungen thailändischen Prostituierten. Dann ändert sich plötzlich alles. In Bangladesch ist die Umwelt viel ärmer, karger und degradiert. Die hygienischen Bedingungen lassen sehr zu wünschen übrig, und es ist nicht ungewöhnlich, dass gebrauchte Kondome gewaschen und wiederverwendet werden. Zwölfjährige Mädchen erzählen vor der Kamera ihre Geschichte: Sie müssen oft bis zu zehn Kunden pro Tag treffen, und das scheint ihr einziges mögliches Schicksal zu sein. Ein Schicksal, das auch einige ältere Frauen teilen, die in Mexiko leben und arbeiten, wo Alkohol und Drogen sie ihr Leben und ihre Einsamkeit vergessen lassen können. Vor allem während der Weihnachtszeit.

Eine große Melancholie und ein tiefes Gefühl der Einsamkeit durchdringen Whores‘ Glory. Eine bunte, aber auch unglaublich berührende und traurige Chor-Dokumentation. Nicht eine, sondern viele Geschichten, die nur der aufmerksame und sensible Blick von Michael Glawogger so gut erzählen konnte. Und sein Blick wird heute schmerzlich vermisst.

Titel: Whores‘ Glory
Regie: Michael Glawogger
Land/Jahr: Deutschland, Österreich, Thailand, Frankreich / 2011
Laufzeit: 110’
Genre: Dokumentarfilm
Buch: Michael Glawogger
Kamera: Wolfgang Thaler
Produktion: Lotus Film, Quinte Film GmbH, Living Films

Info: Die Seite von Whores‘ Glory auf iMDb; Die Seite von Whores‘ Glory auf der Webseite der Austrian Film Commission