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71 FRAGMENTE EINER CHRONOLOGIE DES ZUFALLS

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von Michael Haneke

Note: 8.5

71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls basiert auf einer wahren Begebenheit. Im Film – unterteilt in fünf Kapitel, die jeweils einen bestimmten Tag betreffen – spielt sich alles vom 12. Oktober bis zum 23. Dezember 1993 ab. Alles führt zu einem bestimmten Ereignis, an dem alle Charaktere auf die eine oder andere Weise beteiligt sein werden. Doch wie viel Wert hat der Mensch in diesem Spielfilm von Michael Haneke?

Viele Geschichten, eine Geschichte

71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls. Fragmente des Alltagslebens. Viele Geschichten, viele kurze Ausschnitte, die in einem tragischen Epilog enden. Viele Menschen, die scheinbar nichts gemeinsam haben, die aber rein zufällig einen entscheidenden Moment zusammen erleben. Viele Einsamkeiten in einem mechanischen Alltag, in dem sich nur wenige eine gewisse Menschlichkeit bewahrt zu haben scheinen. Michael Haneke hat all das fotografiert und in seinem dritten Spielfilm ein großes Fresko einer Gesellschaft geschaffen, in der kein Platz für Gefühle zu sein scheint.

Hans (Branko Samarovski) und Maria (Claudia Martini) sind verheiratet und haben eine Tochter. Hans verbringt die meiste Zeit des Tages auf der Arbeit, während Maria mit ihrem Leben als Hausfrau und Mutter frustriert ist. Paul (Udo Samel) und Inge (Anne Bennent) wünschen sich sehnlichst, Kinder zu bekommen. Sie sind vielleicht nicht mehr verliebt, aber ein Kind könnte ihre Beziehung irgendwie retten. Tomek (Otto Grünmandl) lebt allein und hat seit Jahren keine Beziehung mehr zu seiner Tochter. Bernie (Georg Friedrich) ist ein Militärangehöriger, der Waffen aus seiner Kaserne stiehlt, um sie weiterzuverkaufen. Unter diesen Waffen befindet sich auch eine Pistole, die in die falschen Hände geraten wird. Der junge Marian (Gabriel Cosmin Urdes) ist gerade aus Rumänien gekommen und fühlt sich noch verloren in der großen, kosmopolitischen Stadt Wien. Und dann ist er endlich da: Max (gespielt von Lukas Miko). Max ist ein Student, der mit seinem Freund Hanno (Alexander Pschill) zusammenlebt und seine Tage mit Tischtennis spielen und dem Lösen von Rätseln verbringt. Max ist neben Marian vielleicht die einzige Figur, die etwas Menschlichkeit, etwas Verwundbarkeit zeigt. Wenn auch mit tragischen Folgen.

In 71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls werden die Menschen nämlich fast wie Maschinen dargestellt. In ähnlicher Weise werden Nachrichten ohne Betonung aufgelistet, in einer völlig neutralen Art und Weise, egal ob es um Kriege in der Welt geht, oder um die jüngsten Ereignisse bezüglich Michael Jackson. Ein scharfer, abrupter Schnitt trennt eine Episode von der anderen. Und oft dauern diese Episoden nur wenige Sekunden. Wenige Sekunden, die jedoch ausreichen, um uns die verschiedenen Situationen verständlich zu machen, die Persönlichkeiten der ProtagonistInnen zu skizzieren, uns an der Hand in jene graue und düstere Welt zu führen, die Haneke in diesem wichtigen Film so gut dargestellt hat.

71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls ist von einem realen Ereignis inspiriert. Ein Ereignis aus dem Jahr 1994 – dem Jahr, in dem der Film gedreht wurde -, bei dem ein junger Mann in einer Bank einige Menschen erschoss und sich dann selbst tötete. Im Film – der in fünf Kapitel unterteilt ist, die jeweils einen bestimmten Tag betreffen – spielt sich alles vom 12. Oktober bis zum 23. Dezember 1993 ab. Alles führt zu einem bestimmten Ereignis, an dem alle Charaktere auf die eine oder andere Weise beteiligt sind. Doch wie viel Wert hat der Mensch in diesem Spielfilm von Michael Haneke?

Eine distanzierte Kamera, dunkle und beengte Räume, zwischenmenschliche Beziehungen, die fast gefühllos sind, und alltägliche Momente, die sich fast mechanisch abspielen, sprechen für sich selbst. Ebenso spricht die Schlussszene für sich selbst, in der wir nach der Erschießung von Max nicht mehr erfahren, wer die beteiligten Personen sind, wie viele von ihnen tot sind und wer stattdessen am Leben geblieben ist. Wichtig ist die Geste oder besser noch, alles, was langsam zu dieser Geste geführt hat. Und so ist es wieder einmal die Gesellschaft selbst, die angeklagt wird. Eine Gesellschaft, die mehr und mehr egoistisch, konsumorientiert und nur auf materielle Güter bedacht ist. Eine Gesellschaft, die keine Menschen mehr hervorbringt, in der aber auch die letzten verbliebenen Menschen kein leichtes Leben haben.

Michael Haneke zeigt uns all dies mit einem klugen und aufmerksamen Blick und einer großen stilistischen Reife. Eine stilistische Reife, die wir schon in seinen vorherigen Filmen – Der siebte Kontinent (1989) und Benny’s Video (1992) – zu schätzen wussten und die in 71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls weiter bestätigt wird. Können die Augen eines Kindes jemals auch nur einen Hauch von Hoffnung erkennen? Wahrscheinlich wird auch ein „Weihnachts-Wien“ nicht viel ausrichten können.

Titel: 71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls
Regie: Michael Haneke
Land/Jahr: Österreich, Deutschland / 1994
Laufzeit: 100’
Genre: Drama, Chorfilm
Cast: Lukas Miko, Gabriel Cosmin Urdes, Otto Grünmandl, Anne Bennent, Udo Samel, Branko Samarovski, Claudia Martini, Georg Friedrich, Alexander Pschill, Klaus Händl, Corina Eder, Dorothee Hartinger, Patricia Hirschbichler, Barbara Nothegger, Sebastian Stan
Buch: Michael Haneke
Kamera: Christian Berger
Produktion: ARTE, Wega Film, ZDF

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