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DER RÄUBER

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von Benjamin Heisenberg

Note: 7

Der Räuber konzentriert sich vor allem auf die komplexe Innenwelt seines Protagonisten, sein ständiges Bedürfnis zu fliehen, seine Schwierigkeiten, sich in die Gesellschaft zu integrieren und ein normales Leben zu führen.

Johann rennt

Johann Rettenberger rennt. Unabhängig von seinem Ziel rennt er. Er rennt den ganzen Tag lang. Er rennt sogar, wenn er im Gefängnis ist, ob während seiner freien Stunden im Hof oder auf dem Laufband in seiner Zelle. Und das Rennen, wie auch seine große Leidenschaft für Marathons, wird eine entscheidende Rolle in seinem Leben spielen. So ist er der Protagonist des Spielfilms Der Räuber, der 2010 unter der Regie von Benjamin Heisenberg im Wettbewerb der Berlinale präsentiert wurde.

Basierend auf dem Roman Der Räuber von Martin Prinz und inspiriert von der Geschichte des Kriminellen und Marathonläufers Johann Kastenberger, zeigt Der Räuber den nicht immer einfachen Weg von Johann (gespielt von Andreas Lust) zur Wiedereingliederung in die Gesellschaft: Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis meldet er sich bei einer Arbeitsagentur an und trifft dort auf Erika (Franziska Weisz), eine alte Freundin, mit der er eine Beziehung beginnt. Der Mann wird aber nie aufhören, Banken auszurauben, obwohl ihm eine Karriere als Marathonläufer viel Befriedigung bringen könnte.

Der Räuber konzentriert sich daher vor allem auf die komplexe Innenwelt seines Protagonisten, sein ständiges Bedürfnis zu fliehen, seine Schwierigkeiten, sich in die Gesellschaft zu integrieren und ein normales Leben zu führen. Johann Rettenberger hat eine geheimnisvolle Vergangenheit. Seit seiner Entlassung aus dem Gefängnis hat er keine Beziehung mehr zu seiner Familie und die einzige Person, die ihn in irgendeiner Weise mit seiner Vergangenheit verbindet, ist Erika. Eine geheimnisvolle Aura begleitet ihn auch bei den Marathons, bei denen er jedes Mal gewinnt, aber niemand weiß, wer er wirklich ist. Ebenso scheint eine Gummimaske, die er benutzt, um die Raubüberfälle auszuführen, das einzige Objekt zu sein, das ihm das Gefühl gibt, seine Identität vor sich und der Welt zu verbergen.

Alles im Film wird ausschließlich aus seiner Sicht erzählt, mit Ausnahme von kurzen Szenen, die die Dialoge zwischen Erika und den Polizisten betreffen. Dazu folgt ihm die Schulterkamera des Regisseurs ständig, sowohl tagsüber, während der Raubüberfälle, als auch vor allem nachts, wenn er in den Straßen Wiens versucht, vor der Polizei zu fliehen. Ein einfacher und wesentlicher Regieansatz und das fast völlige Fehlen von Musik erwiesen sich daher als optimale Lösungen, um eine ausgewogene Mischung zwischen der Innerlichkeit des Protagonisten und den adrenalingeladenen Verfolgungsjagden mit der Polizei zu schaffen. Die Straßen Wiens werden so fast zu Labyrinthen, wie die Wege des Wiener Waldes oder der kleinen Vorstadtdörfer. Sporadische, aber bedeutungsvolle Rückblenden offenbaren teilweise Johanns Gedanken und Gefühle. Die Bilder sprechen für sich selbst. Und das, ohne dass weitere Elemente erforderlich sind.

Wenn man bedenkt, dass Benjamin Heisenberg nur vier Jahre später eine amüsante Komödie (Über-Ich und Du) drehen würde, erkennt man, dass sich der Regisseur auch in der Regie eines Dramas recht wohl fühlt. Die Noir-Töne sind immer die gleichen. Die Sache ist anders. Und so schafft sie es auch, uns von den ersten Minuten an zu fesseln.

Titel: Der Räuber
Regie: Benjamin Heisenberg
Land/Jahr: Deutschland, Österreich / 2010
Laufzeit: 90’
Genre: Drama
Cast: Andreas Lust, Franziska Weisz, Markus Schleinzer, Roman Kettner, Hannelore Klauber-Laursen, Tabea Werich, Nina Steiner, Josef Romestorffer, Wolfgang Petrik, Florian Wotruba, Johannes Handler, Katharina Hülle, Tony Nagy, Michaela Christl, Georg Mlynek, Alexander E. Fennon
Buch: Benjamin Heisenberg, Martin Prinz
Kamera: Reinhold Vorschneider
Produktion: FFF Bayern, Film Institut, Filmfonds Wien, FFA, Land Niederösterreich Kultur, Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion, Peter Heilrath Filmproduktion, ZDF Arte, ORF

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