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ANOTHER COIN FOR THE MERRY-GO-ROUND

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von Hannes Starz

Note: 7.5

Another Coin for the Merry-Go-Round ist ein visuelles und auditives Erlebnis, das uns von den ersten Minuten an fesselt. Ein mitreißender, schmerzhafter und auch kraftvoll-poetischer Film. Eine Fahrt auf einem Karussell, von der wir uns wünschen, sie würde nie enden. Bei der Diagonale 2021.

Aufwachsen

Es ist nicht einfach, Erwachsen zu werden. Vor allem fällt es schwer, den Lauf der Zeit zu akzeptieren und die Tatsache, dass nichts so bleiben wird, wie es ist. Und oft kann der Übergang von der Jugend zum Erwachsensein ziemlich plötzlich und schmerzhaft sein. Das ist es, was Anna (Valerie Pachner), Niko (Voodoo Jügens) und ihre FreundInnen erleben und erlebt haben. Sie sind die Protagonisten des Spielfilms Another Coin for the Merry-Go-Round, der unter der Regie von Hannes Starz entstand und bei der Diagonale 2021 uraufgeführt wurde.

Anna und ihre Freunde sind Anfang dreißig und verbringen ihre sorglosen Tage im Wiener Untergrund, nehmen Alkohol und Drogen und versuchen, sich als Musiker zu etablieren. Ihre Situation scheint dazu bestimmt, unverändert zu bleiben, doch das Gefühl, dass alles bald vorbei sein könnte, wird jeden Tag stärker. Nach einem Selbstmordversuch ist Niko an den Rollstuhl gefesselt. Anna kümmert sich um ihn und probt in der Zwischenzeit mit ihrer Band weiter neue Songs. Doch eines Tages, als Anna und Niko zusammen Drogen genommen haben, verschwindet Niko plötzlich.

Es braucht also ein starkes Trauma, damit die ProtagonistInnen – und vor allem Anna – verstehen, dass die Jugend vorbei ist, dass es Zeit ist, erwachsen zu werden und ihren eigenen Platz in der Welt zu finden. Gibt es jedoch eine Möglichkeit, dies so schmerzlos wie möglich zu erleben? Hannes Starz will auf diese Frage keinesfalls endgültige Antworten geben, sondern beschränkt sich darauf, seine ProtagonistInnen mit einem aufmerksamen und liebevollen Blick zu beobachten. Die Kamera bewegt sich frei. Das natürliche Licht ist oft überbelichtet oder zu dunkel. Alles wird uns aus Annas Sicht erzählt. Wir identifizieren uns sofort mit ihr, lachen mit ihr, spielen mit ihr, leiden mit ihr. Und ein solcher Regieansatz, der vor allem auf eine extrem realistische Inszenierung abzielt, erinnert sofort an amerikanische Indie-Filme.

Die Kraft der Bilder verbindet sich so mit dem Rhythmus der Musik, die in Another Coin for the Merry-Go-Round ein weiterer Protagonist ist. Bilder und Musik bilden also eine gelungene Mischung, die uns in eine Dimension katapultieren kann, die alle Eigenschaften einer eigenständigen Welt hat. Das ist die Welt, die alle jungen ProtagonistInnen erschaffen haben, in der sie sich entschieden haben zu leben, in der sie sich sicher, geschützt fühlen. Eine bunte, unbeschwerte Welt, eine Art Limbus, ein „Nimmerland“. Ein Traum, aus dem man niemals aufwachen möchte, der aber unweigerlich früher oder später enden muss.

Another Coin for the Merry-Go-Round ist ein visuelles und auditives Erlebnis, das uns von den ersten Minuten an fesselt. Ein mitreißender, schmerzhafter und auch kraftvoll-poetischer Film. Eine Fahrt auf einem Karussell, von der wir uns wünschen, sie würde nie enden. Die Bilder von warmen Sommertagen, an denen man sorglos im Freien spielt, werden uns für immer begleiten. Und vielleicht wird es dank ihrer Erinnerung leichter, sich dem Erwachsensein und all dem, was das Leben für uns bereithält, zu stellen.

Titel: Another Coin for the Merry-Go-Round
Regie: Hannes Starz
Land/Jahr: Österreich / 2021
Laufzeit: 92’
Genre: Drama, Musikfilm
Cast: Valerie Pachner, Voodoo Jürgens, Tinka Fürst, Max Bogner
Buch: Hannes Starz
Kamera: Marianne Andrea Borowiec
Produktion: KGP Filmproduktion

Info: Die Seite von Another Coin for the Merry-Go-Round auf der Webseite der Diagonale; Die Seite von Another Coin for the Merry-Go-Round auf www.kgp.co.at; Die Seite von Another Coin for the Merry-Go-Round auf iMDb