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CANALE GRANDE

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von Friederike Pezold

Note: 8.5

Lichter, Farben, extravagante Kostüme und stark paradoxe Situationen sind das Markenzeichen dieses wertvollen und originellen Canale Grande. Friederike Pezold scheut sich nicht, zu wagen, sich zu äußern, ihre Wut – immer mit einer willkommenen Ironie und Selbstironie – gegen die heutige Gesellschaft, gegen einen latenten Machismo und gegen das, was aus der Welt der Telekommunikation geworden ist, zu „schreien“. Bei der Diagonale 2021.

In einem Paralleluniversum…

„Das Fernsehen schafft das Vergessen, das Kino hat schon immer Erinnerungen geschaffen“, sagte der großartige Jean-Luc Godard. Und genau dieser Satz scheint auch das Motto der Filmemacherin Friederike Pezold zu sein. Ihr Film Canale Grande – ein wahres „verstecktes“ Meisterwerk des österreichischen Films, das 1983 entstand und anlässlich der Diagonale 2021, Reihe Innovatives Kino, dem Publikum präsentiert wurde – wettert in der Tat gegen das Fernsehen und seine Inhalte und bietet dem Zuschauer eine alternative und stark subversive Sichtweise und Kommunikationsform.

Ein Fernseher sendet belanglose Bilder mit banaler Volksmusik im Hintergrund. Dann malt ein Pinsel langsam den Bildschirm schwarz und löscht alles aus. Es ist der Beginn einer neuen Form der Kommunikation. Eine anarchische, wunderbar freie Form der Kommunikation, bei der man sich endlich von allen Konventionen der Vergangenheit befreien kann. Die Hauptfigur (gespielt von der Regisseurin selbst) will eine neue Art der Kommunikation schaffen. Dazu braucht sie viele Kameras und Monitore, aber offenbar ist niemand bereit, ihr die notwendige Ausrüstung zu leihen. Dann endlich gelingt es der Frau, ihr Vorhaben zu verwirklichen. So wird Radio Freies Utopia geboren und ihr Haus in ein richtiges Fernsehstudio verwandelt. Ein Fernsehstudio, in dem völlig ungewöhnliche Filme mit stark feministischer Prägung entstehen.

Lichter, Farben, extravagante Kostüme und stark paradoxe Situationen werden zum Markenzeichen dieses wertvollen und originellen Canale Grande. Friederike Pezold scheut sich nicht, sich zu trauen, sich zu äußern, ihre Wut – immer mit einer willkommenen Ironie und Selbstironie – gegen die heutige Gesellschaft, gegen den latenten Chauvinismus der Männer und gegen das, was aus der Welt der Telekommunikation geworden ist (oder besser: was sie in den 1980er Jahren war), „herauszuschreien“.

Wie würde die Welt selbst werden, wenn man sie endlich nach seinem Geschmack verändern könnte? Vielleicht würde es sogar ein Mann sein, der den neuen Messias gebären würde, und dieser würde sogar ein Mädchen sein, das von drei heiligen Königinnen begrüßt wird. Aber Canale Grande ist nicht nur das. Canale Grande ist viel mehr und schafft es in knapp anderthalb Stunden, dem Zuschauer die widersprüchlichsten Gefühle zu vermitteln, ihn zum Lachen, aber auch zum Nachdenken zu bringen.

Interessanterweise ist der Film, obwohl Friederike Pezold ihn 1983 drehte, immer noch so jung und aktuell wie eh und je. Und vielleicht hätte sich Friederike Pezold selbst nie vorstellen können, was aus der von ihr so kritisierten Welt heute werden würde. Zum Glück gibt es diese Meisterwerke auch auf Film. Und sie auch nach vielen Jahren noch zu sehen, ist immer wieder ein wertvolles Erlebnis. Eine spannende, bunte und angenehm verrückte Reise in eine heile Welt. Eine Welt, die viel, viel Mut braucht, um zu existieren und geschaffen zu werden.

Titel: Canale Grande
Regie: Friederike Pezold
Land/Jahr: Österreich / 1983
Laufzeit: 88’
Genre: Experimentalfilm
Cast: Friederike Pezold, Elfi Mikesch, Hildegard Westbeld, Ebba Jahn
Buch: Friederike Pezold
Kamera: Elfi Mikesch, Wolfgang Pilgrim, Fritz Ölberg
Produktion: Friederike Pezold

Info: Die Seite von Canale Grande auf der Webseite der Diagonale; Die Seite von Canale Grande auf der Webseite der Austrian Film Commission