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ME, WE

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von David Clay Diaz

Note: 7

Nahaufnahmen von nachdenklichen Gesichtern, kontemplative Sonnenuntergänge über dem Meer, aber auch bunte Handabdrücke, die ein großes Gemälde ergeben, vermitteln voll und ganz das Wesen von Me, We. Bei der Diagonale 2021.

Viele Stimmen, ein Chor

Die Heimat verlassen, um im Ausland ein neues Leben zu beginnen. Was könnte zeitgemäßer sein? Doch auch wenn das Thema Einwanderung in den letzten Jahren immer wieder in Filmen behandelt wurde, geschieht es selten – mit Ausnahme von besonderen Dokumentarfilmen – aus der Sicht derjenigen, die eine große Anzahl von Flüchtlingen in ihrem Land ankommen sehen. Doch eine Betrachtung aus verschiedenen Blickwinkeln kann durchaus interessant sein und uns die Augen für neue Realitäten und neue Perspektiven öffnen. Das hat zum Beispiel der junge Regisseur David Clay Diaz in seinem Spielfilm Me, We getan, der bei der Diagonale 2021 uraufgeführt wurde.

Me, We ist ein tiefgründiger und überhaupt nicht vorhersehbarer Chorfilm, in dem wir vier Geschichten sehen, die uns jeweils die vielen Gesichter einer einzigen Realität zeigen. Marie (Verena Alterberger) macht sich im Auftrag einer NGO auf den Weg, um Flüchtlinge zu retten, die mit Booten in Europa ankommen. Doch nachdem sie abgereist ist, laufen die Dinge nicht so, wie sie es sich vorgestellt hatte. Marcel (Alexander Srtschin) ist siebzehn Jahre alt und beschließt zusammen mit seinen Freunden, eine Art Gesellschaft zu gründen, um Frauen zu begleiten, die nachts allein nach Hause kommen. Hinter seiner Absicht verbergen sich jedoch gefährlich rassistische Gedanken. Petra (Barbara Romaner) nimmt Mohammed (Mehdi Meskar), einen jungen Flüchtling aus Marokko, in ihrem Haus auf. Ihre Beziehung wird jedoch zunehmend komplizierter werden. Schließlich leitet Gerald (Lukas Miko) ein Asylbewerberheim, aber eines der Jungen, die er aufnimmt, wird ihm eine Menge Probleme bereiten.

Viele Geschichten, viele Blickwinkel, viele Persönlichkeiten, die im Laufe des Films zum Vorschein kommen. David Clay Diaz ist es gelungen, uns mit Me, We ein umfassendes und facettenreiches Porträt nicht nur von Österreich, sondern auch vom heutigen Europa zu schenken. Seine Charaktere mögen uns zunächst stereotyp erscheinen, doch nach und nach offenbaren sie ihr wahres Wesen, ihre Hintergründe werden sofort klarer und all unsere anfänglichen Gewissheiten werden plötzlich widerlegt.

Diese Geschichten sind nicht immer miteinander verbunden. Und doch sind sie alle zusammen die Stimmen eines einzigen Chores. Ein Chor, der nicht immer homogen, nicht immer in Harmonie ist, der aber ein gutes Bild von der heutigen Welt, von all unseren Überzeugungen, von all unseren Ängsten vermittelt. Unabhängig von der Nation, aus der wir kommen. Nahaufnahmen von nachdenklichen Gesichtern, kontemplative Sonnenuntergänge über dem Meer, aber auch bunte Handabdrücke, die ein großes Gemälde ergeben, vermitteln voll und ganz das Wesen des Films. Das Gleiche gilt für die Sprache, oder besser gesagt, für die vielen Sprachen, die gesprochen werden: Trotz allem findet man fast immer einen Weg, sich zu verstehen. Und so spiegelt dieser wichtige und farbenfrohe Spielfilm von David Clay Diaz voll und ganz die Bedeutung eines 1975 von Mohammed Ali rezitierten Gedichts wider: Me, We, das kürzeste Gedicht der Welt.

Titel: Me, We
Regie: David Clay Diaz
Land/Jahr: Österreich / 2020
Laufzeit: 115’
Genre: Drama, Chorfilm
Cast: Lukas Miko, Verena Altenberger, Barbara Romaner, Mehdi Meskar
Buch: David Clay Diaz, Senad Halilbasic
Kamera: Julian Krubasik
Produktion: Coop99 Filmproduktion

Info: Die Seite von Me, We auf der Webseite der Diagonale; Die Seite von Me, We auf der Webseite der Austrian Film Commission