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LICHT

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von Barbara Albert

Note: 7

Nordrands extremer Realismus weicht hier einer tadellosen Eleganz. Und auch wenn man nostalgisch auf die Vorstädte blickt, die im Spielfilmdebüt der Wiener Regisseurin so gut erzählt werden, muss man anerkennen, dass Licht einen starken Charakter zeigt.

Sehen oder Hören?

Das ausdrucksvolle Gesicht von Maria-Victoria Dragus zeigt die ganze Leidenschaft und Hingabe einer Künstlerin zur Musik. Und sie ist es, die talentierte Maria-Victoria Dragus, die uns an der Hand nimmt in eine ferne Welt, in der man dennoch viele Verbindungen zur Gegenwart erkennen kann. Maria-Victoria Dragus verkörpert zu diesem Anlass Maria Theresia von Paradis (1759 – 1824), eine begabte Pianistin und Komponistin, die als Kind erblindete. Sie ist also die Protagonistin des Spielfilms Licht, der 2017 unter der Regie von Barbara Albert entstand und auf dem Roman Am Anfang war die Nacht Musik von Alissa Walser basiert.

Wir sind in Wien, im Jahr 1777. Maria Theresia wird von ihren Eltern zum Arzt Franz Anton Mesmer (gespielt von Devid Striesow) geschickt, dem Theoretiker des Mesmerismus und Wegbereiter der Hypnose. Er stellt, trotz zahlreicher Kontroversen, die letzte Chance für Maria Theresia dar, ihr Augenlicht wiederzuerlangen. Wie durch ein Wunder scheinen seine Behandlungen sofort zu wirken und die junge Pianistin beginnt wieder zu sehen. Schade ist nur, dass von dem Moment an, als sie ihr Augenlicht wiedererlangt, ihr Talent verschwunden zu sein scheint.

Was soll man wählen? Endlich anfangen, die Welt zu sehen oder weiter der Leidenschaft zur Musik nachgehen? In Licht scheint es, dass diese Entscheidung nicht bei der Protagonistin liegt. Tatsächlich wird sie, obwohl sie einen festen Willen zeigt, von ihren despotischen und unfähigen Eltern fast wie eine Marionette, ein wertvolles Mittel, um Ruhm und Ansehen zu erlangen, behandelt. Ebenso wird das Mädchen ständig von allen beobachtet, fast so, als wäre es ein Freak, dessen einziger Zweck es ist, sein Publikum zu unterhalten, mal mit seinem musikalischen Talent, mal mit seinen körperlichen Beeinträchtigungen. Und so bekommt der Diskurs eine viel breitere Konnotation und Barbara Alberts Kino kommt in seinem ganzen Potenzial zum Vorschein.

Maria Theresia Paradis wird so zum Symbol der „Diversität“, derer, die ständig mit perversem Voyeurismus beobachtet werden, derer, die wegen ihrer körperlichen Merkmale verspottet werden. So wie es in einem Film von Marco Ferreri passieren könnte. Und gleichzeitig wird die Gesellschaft mit all ihren Schwächen und ihrer Heuchelei gezeigt. Der Diskurs wird aktualisiert und erhält in Licht universelle Konnotationen. Und während Barbara Albert 1999 in Nordrand vor allem den Alltag einiger junger Menschen in den entfremdeten Vorstädten Wiens thematisierte, zeigt sie in ihrem jüngsten Spielfilm anhand einer realen Geschichte, wie trotz der Jahrhunderte gewisse Dynamiken gleich geblieben sind.

Das Gleiche gilt für die Bedingungen von Frauen innerhalb einer rein patriarchalischen Gesellschaft. Die junge Protagonistin wird ständig von denen angeleitet, die mehr wissen als sie selbst, von ihrem autoritären Vater, aber auch von dem mutigen Arzt. Dennoch scheint ihre eigene Meinung keine Relevanz zu haben. Besonders interessant ist dabei die Figur des Dienstmädchens Agnes: Wenn eine mögliche Liebesbeziehung zwischen den beiden unmöglich und vor allem inakzeptabel erscheint, ist es ganz natürlich, dass die Frau unter den Schikanen der Männer leidet.

Barbara Albert erscheint uns daher besonders kämpferisch. Und die Regisseurin erläutert ihre Theorien durch eine bis ins kleinste Detail durchdachte Mise-en-Scène, in der elegante Kostüme und akribische Bühnenbilder die perfekte Kulisse für ein persönliches Drama bilden, das meisterhaft durch ausdrucksvolle Großaufnahmen von Maria-Victoria Dragus‘ Gesicht und durch Details an spielenden Händen, opulenten Perücken und vorzeitig kahlen Köpfen dargestellt wird. Eine zu perfekte Inszenierung? Nordrands extremer Realismus weicht hier einer tadellosen Eleganz. Und auch wenn wir nostalgisch nach jener Vorstadt sind, die im Debütfilm der Wiener Regisseurin so gut erzählt wird, müssen wir zugeben, dass Licht einen starken Charakter zeigt. Und das gefällt uns.

Titel: Licht
Regie: Barbara Albert
Land/Jahr: Österreich, Deutschland / 2017
Laufzeit: 97’
Genre: Drama, Historienfilm, Filmbiografie
Cast: Maria Dragus, Devid Striesow, Lukas Miko, Katja Kolm, Maresi Riegner, Johanna Orsini-Rosenberg, Stefanie Reinsperger, Christoph Luser, Susanne Wuest, Theresa Martini, Julia Pointner, Sascha Merényi, Attila Beke, Thomas Anton, Christoph Bittenauer, Vivienne Causemann, Katharina Farnleitner, Werner Schwab
Buch: Kathrin Resetarits, Barbara Albert, Alissa Walser
Kamera: Christine A. Maier
Produktion: Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion, LOOKSfilm, ZDF, ARTE, Witcraft Filmproduktion

Info: Die Webseite von Licht; Die Seite von Licht auf iMDb